Als ich endlich ihr Grab fand, zitterten meine Hände.

Ich umklammerte den Blumenstrauß fest, und einen Moment lang fühlte es sich an, als stünde die Zeit still. Der Grabstein war schlicht, unscheinbar – und doch strahlte er eine seltsame Präsenz aus. Irgendetwas warnte mich. Ich spürte, dass ich nicht nur eine Besucherin war. Dass hier etwas Unvorstellbares geschah.

Als ich mich bückte, um die Blumen niederzulegen, fiel mir etwas Seltsames ins Auge. Auf dem Stein war ein kleines Foto eingraviert. Das Foto einer Frau, die mein Mann einst geliebt hatte. Ihre Augen … eingefangen in dem Moment ihres Lächelns, und dieses Lächeln war alles andere als gewöhnlich. Irgendetwas daran beunruhigte mich, ließ mich aufblicken.

Und dann sah ich es. Auf dem Grab lag eine zweite, kleinere, fast unsichtbare Grabplatte, bedeckt mit Blättern. Sie gehörte nicht zum Grab seiner ersten Frau. Dort lag eine andere Frau. Ihr Name war anders, unbekannt, und das Sterbedatum … fast identisch mit dem, was mein Mann mir über seine erste Frau erzählt hatte.

Mein Herz setzte einen Schlag aus. Was bedeutete das? War seine erste Frau tot oder einfach nur … woanders? Mir entglitt der Blumenstrauß. Die Blumen fielen mit einem leisen Rascheln zu Boden.

Plötzlich bemerkte ich ein kleines Tagebuch neben dem Grab, fast verborgen zwischen Blumen und Moos. Es wirkte, als hätte es jemand absichtlich dort hingelegt. Ich schlug es auf und begann, darin zu blättern. Die Seiten waren alt, das Papier rissig, aber die Schrift war lesbar. Es waren Briefe – adressiert an den Mann, der jetzt mein Ehemann war.

Jeder Brief enthüllte Bruchstücke eines Lebens, von dem ich nie etwas gehört hatte. Eine Beziehung, eine Liebe, ein Schmerz … und auch ein Geheimnis, das nie ans Licht gekommen war. Ein Geheimnis, das seine Ausflüchte erklärte, seine Angst, das Grab zu besuchen, seine seltsame Nervosität, wann immer diese Vergangenheit berührt wurde.

Mein Herz raste. Etwas, das ich für eine verlorene Vergangenheit gehalten hatte, war nicht so einfach, wie ich gedacht hatte. Was, wenn die erste Frau … nicht tot war? Was, wenn sie sich versteckt hielt oder irgendwohin verschwunden war, aber immer noch Einfluss auf sein Leben hatte?

In diesem Moment wurde mir klar, dass dieses Grab nicht nur eine Ruhestätte war. Es war der Schlüssel zu etwas, das mein Leben verändern konnte, etwas, das die gesamte Geschichte unserer Ehe neu schreiben konnte. Und ich stand kurz davor, eine Wahrheit zu entdecken, die tiefer und düsterer war, als ich es je erwartet hatte.

Langsam stand ich auf, den Blick auf das Grab gerichtet. All die Fragen, die ich mir nie zu stellen erlaubt hatte, schossen mir durch den Kopf. Ich wusste, dass nach meiner Rückkehr nichts mehr so ​​sein würde wie zuvor. Doch gleichzeitig spürte ich, dass die Wahrheit irgendwo da draußen auf mich wartete.

Ich war bereit, sie zu finden – egal wie schockierend oder erschreckend sie auch sein mochte.

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