Samuel hatte nie unter Schlaflosigkeit gelitten.

Er war immer schnell eingeschlafen, ohne nachzudenken, ohne zu träumen. Doch an diesem Abend hatte er die Feier früher verlassen, als es angebracht gewesen wäre. Nicht etwa, weil er müde war. Eher, weil er eine seltsame Schwere verspürte, einen vagen Druck auf der Brust, den er sich nicht erklären konnte.

Die Villa war in Stille gehüllt. Der Duft von gewachstem Holz, frischen Blumen und teuren Kerzen vermischte sich mit der kühlen Luft des Hauses in der Nacht. Samuel betrat die Villa, ohne das Licht anzuschalten, als wollte er niemanden stören. Er legte die Schlüssel ab, zog die Schuhe aus und ging barfuß über den kalten Boden.

Als er das Küchenlicht einschaltete, bot sich ihm ein unerwarteter Anblick.

Lucia stand an der Wand, fast an sie gepresst, als wollte sie mit dem Hintergrund verschmelzen. In ihren Händen hielt sie einen kleinen Teller mit ein paar Löffeln kaltem Reis und Bohnen. Das Essen war gewöhnlich, fast geschmacklos. Reste. Etwas, das man normalerweise achtlos wegwerfen würde.

Sie aß hastig. Nicht, weil sie hungrig war wie jeder andere. Sie aß, als fürchtete sie, jemand würde ihr alles wegnehmen. Jeder Bissen war ein gestohlener Augenblick.

Samuel empfand keinen Zorn. Er war nicht überrascht. Er schämte sich.

Lucia arbeitete seit Jahren in seinem Haus. Sie putzte leise, sprach wenig, beschwerte sich nie. Sie war eine jener Personen, die man irgendwann als Teil des Hauses wahrnimmt – nicht als Lebewesen, sondern als Funktionär. Er hatte sie nie sitzen sehen. Er hatte sie nie essen sehen.

Jetzt bemerkte er Details, die ihm zuvor entgangen waren. Ihren gebeugten Rücken. Die Kleidung, eine Nummer zu groß für ihren schmalen Körper. Ihre Finger, leicht rissig vom Putzen. Und wie sie dastand – nicht am Tisch, sondern an der Wand. Als ob sie nichts mehr tun könnte.

Als Lucia aufblickte und ihn sah, erschrak sie. Der Teller zitterte in ihren Händen.

„Entschuldigen Sie, Mr. Samuel“, flüsterte sie. Sie blickte nicht auf. „Ich… ich räume es sofort auf.“

Sie wollte den Teller hinstellen. Sie wollte verschwinden.

Samuel sagte nichts. Lange Zeit. Die Stille lag zwischen ihnen wie ein dünner Faden, der jeden Moment zu reißen drohte.

„Setz dich“, sagte er schließlich.

Lucia erstarrte. Sie dachte, sie hätte sich verhört.

„Bitte?“, flüsterte sie.

Samuel ging zum Tisch und schob einen Stuhl zurück. „Setz dich. Hier.“

Lucia schüttelte den Kopf. „Ich… ich kann nicht.“

Dieses Wort traf ihn wie ein Schlag.

„Wer hat dir gesagt, dass du das nicht kannst?“, fragte er ruhig.

Lucia schwieg. Ihre Augen glänzten, doch sie unterdrückte die Tränen aus Gewohnheit. Schließlich setzte sie sich langsam auf die Stuhlkante, als erwarte sie einen Wutausbruch.

Samuel öffnete den Kühlschrank. Er wusste nicht genau, warum. Er tat es einfach. Er holte die Reste der Party hervor. Warm. Unberührt. Er füllte seinen Teller und stellte ihn vor sie hin.

„Iss“, sagte er nur.

Lucia betrachtete das Essen, als wäre es nicht real.

„Ist das … für mich?“, fragte sie leise.

„Ja.“

Sie begann zu essen. Langsam. Vorsichtig. Als würde sie jeden Moment einen Vorwurf erwarten. Als nichts kam, brach sie zusammen. Tränen rannen ihr über die Wangen und tropften auf die Tischdecke. Sie entschuldigte sich nicht. Sie sagte nichts. Sie aß und weinte einfach.

Samuel saß ihr gegenüber und spürte, wie sein sorgsam aufgebautes Selbstbild zerbrach. Ihm wurde klar, dass in einem Haus voller Überfluss jemand hungerte. Nicht, weil er musste. Sondern weil niemand fragte.

„Wie lange schon?“, fragte er leise.

Lucia zuckte mit den Achseln. „Schon lange.“

Diese Antwort genügte ihm.

In jener Nacht geschah nichts Dramatisches im Haus. Niemand wurde hinausgeworfen. Niemand schrie. Die Polizei wurde nicht gerufen. Doch etwas hatte sich verändert.

Vom nächsten Tag an aß Lucia mit am Tisch. Sie hatte einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Und Samuel begann, mit Leuten zu essen, an denen er zuvor achtlos vorbeigegangen war.

Denn manchmal ist der größte Schock nicht, dass jemand Essensreste isst.

Der größte Schock ist die Erkenntnis, dass man es zugelassen hat – stillschweigend, unbewusst, ganz selbstverständlich.

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