Das Holzbrett lag auf dem Tisch, wo er es achtlos hingeworfen hatte. Er betrachtete es einen Moment lang, schüttelte dann den Kopf und ging duschen. Er konnte nur an die Erschöpfung denken, an die Tabellenkalkulationen, die Verträge und die endlosen Gespräche, die ihn an diesem Tag völlig ausgelaugt hatten.
Ein Geräusch hatte ihn mitten in der Nacht geweckt.
Es war nicht laut. Ganz im Gegenteil. Es war so leise, dass es direkt seinen Instinkt ansprach, den primitivsten Teil des Gehirns, der Gefahr erkennt, bevor der Verstand sie benennen kann. Irgendetwas stimmte nicht.
Er öffnete die Augen. Die Dunkelheit im Schlafzimmer war dichter als sonst. Die Lampe war aus. Der Strom musste ausgefallen sein. Er griff nach dem Telefon auf dem Nachttisch, doch in diesem Moment hörte er ein anderes Geräusch. Schritte. Langsam, vorsichtig. Nicht in seiner Fantasie. Real.
Sein Herz hämmerte so heftig, dass er glaubte, die ganze Wohnung müsse es hören.
Er hielt den Atem an.
Die Schritte verstummten vor der Schlafzimmertür.
Jemand war in seinem Haus.
Der Mann richtete sich im Bett auf. Tausend Gedanken schossen ihm gleichzeitig durch den Kopf – die Alarmanlage, die Kameras, der Alarm. Alles war still. Zu still. Dann drehte sich die Klinke. Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit.
Und in diesem Moment fiel sein Blick auf den Tisch.
Auf das Holzbrett.
Selbst in der Dunkelheit konnte er die eingebrannten Buchstaben lesen. Dick, krumm, aber unglaublich deutlich.
Du hättest es sein können.
Aus irgendeinem Grund ließ ihn die Schrift wie angewurzelt stehen. Anstatt aufzuspringen, zu schreien oder zur Tür zu rennen, blieb er sitzen. Irgendetwas hielt ihn davon ab. Irgendetwas sagte ihm, dass es kein Zurück mehr gäbe, wenn er sich jetzt bewegte.

Die Tür öffnete sich weiter.
Eine Gestalt erschien im Türspalt. Sie hielt ein Messer. Das Licht der Straßenlaterne glitzerte kurz auf der Klinge. Ein Dieb, oder etwas Schlimmeres. Der Mund des Mannes war offen, doch kein Laut kam heraus.
Und dann bemerkte der Eindringling die Gedenktafel.
Er hielt inne.
Es war ein kaum wahrnehmbarer Moment, doch der Mann sah es deutlich. Die Gestalt beugte sich vor, den Kopf gesenkt, den Blick auf die Inschrift gerichtet. Als las sie. Als dachte sie nach.
Die Stille dehnte sich endlos aus.
Dann geschah etwas Unerwartetes.
Der Eindringling wich langsam zurück. Ein Schritt. Noch einer. Er senkte das Messer. Die Tür schloss sich leise. Die Schritte verhallten. Und dann war nichts mehr zu hören. Nur der Regen draußen und der zittrige, stoßweise Atem des Mannes.
Er saß viele Minuten, vielleicht Stunden, auf dem Bett. Er wagte es nicht, sich zu bewegen. Als er endlich die Kraft fand aufzustehen, schaltete er die Taschenlampe seines Handys ein und durchsuchte die Wohnung. Die Tür war nicht aufgebrochen. Nichts war gestohlen worden. Doch am Türgriff der Haustür war der deutliche Abdruck eines nassen Handschuhs zu sehen.
Am Morgen ging er zur Polizei. Man erzählte ihm, dass es in der Gegend mehrere Einbrüche gegeben hatte. In einem Fall hatte der Hausbesitzer weniger Glück gehabt.
Auf dem Rückweg hielt er an seinem Büro an. Automatisch blickte er sich im Eingangsbereich um.
Der Obdachlose saß nicht da.
Er war an diesem Tag nicht da. Auch nicht am nächsten Tag. Auch nicht in der nächsten Woche.
Der Mann konnte nie wieder in sein altes Leben zurückkehren. Er hängte die Gedenktafel nicht einfach neben sein Bett. Er ließ sie einrahmen. Sie erinnerte ihn nicht nur an jene Nacht, sondern an etwas viel Tieferes. Wie schmal der Grat ist zwischen dem Gebenden und dem Brauchenden. Zwischen Sicherheit und Absturz. Zwischen Leben und Tod.
Und jedes Mal, wenn jemand achtlos an ihm vorbeiging, jedes Mal, wenn er wegschauen wollte, erinnerte er sich an die Augen des alten Mannes im Regen und an seine ruhige Stimme.
„Du hättest es sein können.“
Denn dieses Mal wäre es wirklich beinahe so gewesen.