Der Prinz versammelte neunundneunzig maskierte junge Frauen aus dem ganzen Königreich um sich und schwor, jene zu heiraten, deren Stimme sein Herz berührte. Doch niemand ahnte, dass in dem Augenblick, in dem die Auserwählte schließlich ihr Gesicht enthüllen würde, eine eisige Stille über den Palast fallen sollte.

Jahrelang galt Prinz Adrian als einer der begehrtesten Junggesellen des gesamten Königreichs. Er war wohlhabend, gebildet und von hohem Stand; eines Tages war ihm bestimmt, den Thron zu besteigen.

Doch es gab ein Problem.

Er weigerte sich zu heiraten.

Im Laufe der Jahre hatte der König ihm Dutzende junger Frauen aus den angesehensten Familien des Reiches vorgestellt. Prinzessinnen waren darunter, ebenso wie die Töchter von Herzögen, Grafen und wohlhabenden Kaufleuten. Manche waren von außergewöhnlicher Schönheit, andere hochintelligent, und wieder andere konnten auf eine jahrhundertealte Abstammung verweisen.

Doch jedes Mal hörte sich Adrian ihre Vorstellungen an, lächelte höflich und sprach schließlich stets dieselben Worte:

„Sie ist nicht die Richtige.“

Niemand verstand, wonach genau er eigentlich suchte.

Eines Abends stellte der König seinem Sohn daher die direkte Frage:

„Adrian, eines Tages wirst du König sein. Du kannst nicht dein ganzes Leben damit verbringen, jede Frau abzuweisen, die deinen Weg kreuzt. Wonach suchst du?“

Der Prinz schwieg einen Moment lang.

Dann blickte er zu den Musikern hinüber, die in einer Ecke des Saals spielten, und sagte:

„Ich wünsche mir eine Frau, deren Stimme mich die ganze Welt vergessen lässt.“

Der König runzelte die Stirn.

„Das ist keine Antwort.“

„Für mich schon.“

Wenige Tage später verkündete der Prinz seinen Entschluss vor dem gesamten Hofstaat. „Ich werde meine Gemahlin nicht nach ihrer Abstammung, ihrem Reichtum oder ihrem Aussehen wählen“, erklärte er während des Galaballs. „Ich möchte ihre Stimme hören.“

Ein Raunen ging durch den Saal.

„In einem Monat werden wir Frauen aus dem ganzen Königreich im Palast empfangen. Jede von ihnen wird eine identische Maske tragen und vor den Hof treten. Ich werde weder ihren Namen noch ihre Familie kennen. Ich werde ihr Gesicht nicht sehen. Ich werde nur zuhören.“

„Und welche wirst du wählen?“, fragte einer der Herzöge.

Der Prinz lächelte leise.

„Diejenige, die mein Herz berührt.“

Die Nachricht davon verbreitete sich innerhalb weniger Tage im ganzen Königreich. Frauen aus allen Winkeln des Landes trafen am Palast ein.

Einige kamen in Kutschen und mit großem Gefolge. Andere waren tagelang gereist – nur für die eine Chance, Prinzessin zu werden.

Am festgesetzten Tag war der Thronsaal bis auf den letzten Platz gefüllt.

Neunundneunzig junge Frauen warteten hinter den schweren Türen.

Sie alle trugen identische Masken.

Der Prinz saß auf dem Thron, flankiert von der Königin, dem König, seinen Beratern und einigen der angesehensten Adligen des Reiches.

Die erste junge Frau trat auf das Podium.

Sie sang wunderschön.

Der Prinz hörte zu.

Dann schüttelte er einfach den Kopf.

„Die Nächste.“

Die zweite hatte eine noch beeindruckendere Stimme.

„Die Nächste.“

Die dritte rührte etliche Frauen im Saal zu Tränen.

Der Prinz blieb ungerührt.

„Die Nächste.“

Die Stunden vergingen.

Eine junge Frau verließ den Saal mit Tränen in den Augen, nachdem sie abgewiesen worden war. Eine andere versuchte, Haltung zu bewahren, brach jedoch in Tränen aus, sobald sie hinter den Türen verschwunden war. Das neunzigste Mädchen besaß eine Stimme, die – nach Meinung vieler Anwesender – perfekt war.

Doch der Prinz sagte erneut:

„Nein.“

Als die achtundneunzigste Kandidatin an der Reihe war, wurde der König bereits unruhig.

„Adrian“, flüsterte er, „es sind nur noch zwei übrig.“

Der Prinz antwortete nicht.

Das achtundneunzigste Mädchen ging hinaus.

Und dann öffneten sich die Türen.

Die letzte Teilnehmerin trat ein.

Im Gegensatz zu den anderen trug sie weder kostbare Roben noch Schmuck. Ihre Kleidung war schlicht. Sie trug eine gewöhnliche dunkle Maske.

Einige Adlige lächelten sogar belustigt.

„Ist das etwa die letzte Hoffnung?“, flüsterte jemand.

Doch das Mädchen reagierte nicht.

Langsam trat sie auf die Bühne.

Die Musiker begannen zu spielen.

Und sie holte tief Luft.

Der erste Ton ließ eine seltsame Stille über den Saal sinken.

Es war nicht bloß eine schöne Stimme.

Sie barg Traurigkeit, Zärtlichkeit und etwas, das sich jeder Beschreibung entzog.

Der Prinz richtete sich augenblicklich auf.

Zum ersten Mal an diesem Tag schien er alles um sich herum vergessen zu haben.

Das Mädchen sang weiter.

Niemand rührte sich.

Die Königin hatte Tränen in den Augen. Einer der alten Berater senkte das Haupt.

Selbst die Musiker hörten schließlich auf, ihren Noten zu folgen, und lauschten einfach nur.

Als der letzte Ton verklungen war, herrschte Stille.

Der Prinz erhob sich langsam.

Er blickte das maskierte Mädchen an, als versuchte er zu verstehen, warum ihre Stimme ihm so vertraut vorkam.

Dann sagte er:

„Ich habe meine Entscheidung getroffen.“

Der ganze Saal hielt den Atem an. „Ich werde dich zur Frau nehmen.“

Applaus brandete auf.

Doch der Prinz hob die Hand.

„Aber zuerst: Nimm deine Maske ab.“

Das Mädchen rührte sich nicht.

„Hörst du mich?“, fragte der Prinz.

Sie nickte langsam.

Dann hob sie die Hände.

Ihre Finger umfassten den Rand der Maske.

Tiefe Stille legte sich über den Saal.

Die Maske löste sich langsam.

Und in dem Augenblick, als der Prinz ihr Gesicht sah, verschwand das Lächeln von seinen Lippen.

Der König erbleichte.

Die Königin presste die Hand auf den Mund.

Einer der Berater wich einen Schritt zurück.

Niemand sprach ein Wort.

Denn das Mädchen, das vor ihnen stand, war weder die unbekannte Tochter eines armen Kaufmanns noch eine vergessene Adlige.

Jeder im Schloss kannte ihr Gesicht.

Man hatte sie für tot gehalten.

Der Prinz starrte sie an, als sähe er einen Geist.

„Das ist unmöglich“, hauchte er.

Das Mädchen sah ihn an.

„Auch ich dachte, ich würde niemals hierher zurückkehren.“

Der König erhob sich hastig.

„Wer bist du?“

Das Mädchen wandte sich ihm zu.

„Eure Majestät … ich glaube, Ihr solltet zuerst Euren Sohn fragen.“

Der Prinz wurde noch blasser.

Denn in diesem Moment begriff er etwas, das ihn noch mehr erschreckte als ihr Gesicht.

Er erkannte ihre Stimme wieder.

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