Ein Projekt, das sich schon seit Wochen hinzog, näherte sich endlich dem Abgabetermin, und ich hatte keine Wahl. Als ich ihm heute Morgen meinen Sohn übergab, wirkte er ruhig. Er lächelte, versprach einen Filmabend, Pizza zu bestellen und sich um alles zu kümmern. Ich nickte, obwohl tief in mir ein vertrauter Zweifel blieb.
Er ist kein schlechter Vater. Er kann aufmerksam sein, stundenlang mit seinem Sohn spielen, komplexe Lego-Konstruktionen bauen und sich Geschichten ausdenken. Aber seine Schwäche ist Beständigkeit. Die Zeit vergeht für ihn seltsam. Verantwortungen verschwinden, sobald sie nicht direkt vor seinen Augen sind. Deshalb haben wir uns früher so oft gestritten.
Ich habe den ganzen Tag auf der Arbeit mein Handy gecheckt. Alle paar Minuten leuchtete ich unauffällig auf den Bildschirm unter meinem Schreibtisch. Keine Nachricht. Kein Foto vom Abendessen, kein „Alles gut“. Gegen sechs schrieb ich ihm eine SMS, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Keine Antwort. Um sieben rief ich an. Das Telefon klingelte lange, dann ging die Mailbox ran.
Ich spürte ein beklemmendes Gefühl im Magen. Keine konkrete Angst, eher so ein schleichender, irrationaler Gedankenstrom. Was, wenn er eingeschlafen war und sein Sohn wach war? Was, wenn er vergessen hatte, die Tür abzuschließen? Was, wenn etwas passiert war und niemand mir Bescheid gesagt hatte?
Um neun Uhr abends konnte ich nicht mehr am Computer sitzen. Ich schickte meine Arbeit unfertig ab und rannte aus dem Büro. Unterwegs rief ich noch einmal an. Nichts.
Die Straßen waren fast leer. Ich fuhr schneller, als ich sollte. Meine Gedanken kreisten immer wieder um Kleinigkeiten aus der Vergangenheit – wie er seinen Sohn einmal nicht pünktlich aus der Kita abgeholt hatte. Wie er einen Topf unbeaufsichtigt auf dem Herd gelassen hatte. Jede Erinnerung war wie ein Tropfen Öl im Feuer.
Ich bog um die Ecke seiner Straße, und mein Herz blieb fast stehen.
Ein Polizeiwagen parkte vor dem Haus. Das Blaulicht blinkte leise, keine Sirene, aber es war laut genug, um mir einen Schauer über den Rücken zu jagen. Die Haustür stand offen. Ein paar Nachbarn standen auf dem Bürgersteig.
Ich bremste abrupt und sprang aus dem Auto.

„Was ist passiert?“, platzte ich heraus und fragte den ersten Polizisten, den ich sah.
Er sah mich ruhig an. „Sind Sie die Mutter des Jungen, der heute hier ist?“
Ich konnte nicht anders, als zu nicken.
„Alles in Ordnung“, sagte er sofort. „Niemand wurde verletzt.“
Der Satz durchfuhr mich wie eine Welle und ließ mich für einen Moment verstummen.
Es stellte sich heraus, dass die Nachbarin die Polizei gerufen hatte, weil sie einen lauten Streit gehört hatte. Mein Ex hatte sich mit seinem Bruder gestritten, der unerwartet vorbeigekommen war. Der Streit war laut, die Tür stand offen, und die Nachbarin befürchtete häusliche Gewalt.
Die Polizei war vorsorglich gekommen.
Ich kam herein. Mein Sohn saß in eine Decke gehüllt auf dem Sofa und sah fern. Als er mich sah, strahlte er. „Mama, die Polizei ist da!“, verkündete er leicht aufgeregt, als wäre es ein unerwartetes Abenteuer.
Mein Ex stand daneben, sichtlich aufgebracht und verlegen. Sein Handy lag leer auf der Küchentheke.
„Ich habe vergessen, es aufzuladen“, sagte er leise. „Ich habe gar nicht gemerkt, wie spät es ist. Tut mir leid.“
In diesem Moment wurde mir bewusst, wie schnell man sich aus Stille ein Horrorszenario ausmalen kann. Ein Polizeiwagen, eine offene Tür, ein unbeantwortetes Telefon. Alles fügte sich zu einem erschreckenden Bild zusammen, das völlig unwirklich war.
Wir setzten uns an den Tisch. Die Polizei fuhr weg. Mein Bruder war fort. Stille und eine unterschwellige Spannung lagen in der Luft.
„Ich weiß, du vertraust mir nicht ganz“, sagte mein Ex schließlich. „Und vielleicht hast du ja einen Grund. Aber ich versuche es.“
Es war keine große Entschuldigung, keine dramatische Erklärung. Eher ein müdes Eingeständnis der Realität.
Auf dem Heimweg schlief mein Sohn auf dem Rücksitz ein. Sein Gesicht verriet nichts von dem Stress, den ich den ganzen Abend über ausgestrahlt hatte. Ich umklammerte das Lenkrad fester als nötig und dachte darüber nach, wie zerbrechlich das Vertrauen zwischen zwei Menschen ist, die nicht mehr zusammenleben, aber für immer durch ein Kind verbunden sind.
An diesem Abend jagte mir die Vorstellung, die Kontrolle zu verlieren, einen Schrecken ein. Nicht wegen meines Ex, sondern wegen einer Situation, über die ich keine Kontrolle hatte. Ich musste arbeiten. Er war der Vater unseres Sohnes. Und unser Sohn brauchte uns beide.
Als ich ihn ins Bett brachte, öffnete er kurz die Augen und murmelte: „Mama, Papa hat Pfannkuchen gemacht. Sie sind etwas angebrannt.“
Ich lächelte zum ersten Mal an diesem Abend.
Oh Gott. Manchmal entsteht die größte Angst aus der Stille, nicht aus der Realität. Und manchmal muss man das reale Risiko von den eigenen Ängsten trennen, sonst verliert man sich in Szenarien, die nie eingetreten sind.