Ich war bis auf die Knochen erschöpft, mein Körper funktionierte nur noch aus Gewohnheit, und mein Kopf war wie leergefegt. Ich wollte nur noch duschen und ins Bett. Die Aufzugtüren waren fast geschlossen, als ich es hörte. Kein lauter Schrei, sondern ein leises, unterbrochenes Weinen. So ein Weinen, das man eher mit dem Herzen als mit den Ohren wahrnimmt.
Instinktiv öffnete ich die Tür wieder. Das Geräusch kam aus der Ecke des Flurs. Ich machte ein paar Schritte und erstarrte. Da stand eine Babytrage auf dem Boden. Alt, etwas abgenutzt. Darin lag ein winziges Mädchen, kaum zwei Monate alt, eingewickelt in eine rosa Decke mit weißen Sternen. Ihre Augen waren geschlossen, ihr Gesicht rot vom Weinen, ihre Hände zu Fäusten geballt.
In diesem Moment brach alles, was ich mir in den Jahren im Dienst aufgebaut hatte, über mir zusammen. Ich hob sie hoch und überprüfte automatisch ihre Atmung, ihre Temperatur, ihre Reaktionen. Sie war kalt und verängstigt, aber sie lebte. Ich rief die Polizei und setzte mich auf die Treppe. Ich hielt sie im Arm, bis sie sich beruhigte und auf meiner Brust einschlief. Niemand kam. Keine verzweifelten Eltern, kein Anruf, keine Erklärung.
Die Polizei ermittelte wochenlang. Die Überwachungskameras hatten nichts aufgezeichnet. Keine Vermisstenanzeige. Es war, als wäre sie aus dem Nichts aufgetaucht. Damals hatte ich mich erst vor wenigen Monaten von meinem Verlobten getrennt. Die Wohnung war still und leer, und ich auch. Und plötzlich lag ein kleiner, warmer Körper in meinem Leben und klammerte sich an mich, als wäre ich der einzige Halt im Leben.
Als keine Verwandten gefunden werden konnten, erklärte ich mich bereit, sie vorübergehend in Pflege zu nehmen. Ich redete mir ein, es sei Schicksal. Dass dieses Kind aus einem bestimmten Grund in mein Leben getreten war. Ich nannte sie Luna. Sie lächelte unglaublich früh, lachte über jedes noch so alberne Geräusch, das ich machte, und hauchte meiner Wohnung neues Leben ein. Zum ersten Mal seit Jahren kam ich nach Hause und hatte das Gefühl, dass jemand auf mich wartete.
Der Adoptionsprozess war lang und anstrengend, aber an ihrem ersten Geburtstag war sie endlich offiziell meine. An diesem Abend feierten nur wir beide. Ein kleiner Kuchen, eine Kerze, Luna mit einem lustigen Hütchen. Sie lachte, klatschte … und wurde dann plötzlich kreidebleich. Ihr Körper erschlaffte, ihr Kopf fiel zur Seite. Ich erstarrte einen Moment, dann rannte ich los.
In der Notaufnahme stand die Welt wieder still. Der Arzt war ernst, viel zu ernst, als dass es eine Kleinigkeit gewesen wäre. Er sagte mir, Luna habe eine seltene Blutkrankheit. Eine Krankheit, die sich plötzlich verschlimmern konnte. Sie brauchte einen Spender. Am besten ein biologisches Familienmitglied, denn die Chancen auf eine Übereinstimmung waren extrem gering.
Ich saß da und fühlte mich, als würde ich versinken. Wir wussten nichts über ihre Familie. Keine Namen, keine Vergangenheit, keine Ahnung. Der Arzt sah mich an und schlug vorsichtig vor, dass ich mich auch testen lassen sollte. Ich war ihre Adoptivmutter, aber manchmal passieren Dinge, die keinen Sinn ergeben.

Ich stimmte ohne zu zögern zu. Eine Blutabnahme, ein paar Minuten, eine Routineuntersuchung. Ich hatte nichts erwartet. Ich war darauf vorbereitet, dass eine Übereinstimmung nicht möglich sein würde.
Ein paar Tage später klingelte mein Telefon. Die Nummer des Krankenhauses. Die Stimme des Arztes klang anders als sonst. Angespannt. Verzweifelt. Er bat mich, Platz zu nehmen.
„Die Ergebnisse sind da“, begann er. „Und … so etwas passiert nicht.“
Er sagte mir, ich sei nicht nur kompatibel. Er sagte, ich sei eine perfekte Übereinstimmung. Genetisch. So eine, wie sie nur bei nahen Verwandten vorkommt.
Ich verstand es nicht. Mein Herz raste. „Das ist unmöglich“, wiederholte ich. „Ich bin nicht ihre leibliche Mutter.“
Stille am anderen Ende der Leitung. Dann holte er tief Luft. „Den Tests zufolge sind Sie es.“
Mir wurde schwindelig. Jahre zogen an mir vorbei. Eine Nacht, die ich zu vergessen versucht hatte. Die Operation, das Chaos, das Krankenhaus, die kurze Bewusstlosigkeit. Eine Erinnerung, die ich immer als leere Stelle in meinem Gedächtnis betrachtet hatte.
Der Arzt fuhr fort. Er erklärte, dass Luna, aufgrund ihres Alters, aufgrund der genetischen Marker, nach allem, was man darüber wusste, nicht das Kind eines anderen war. Sie war meine. Die Tochter, die ich geboren und nie in meinen Armen gehalten hatte. Die Tochter, die mir jemand im bewusstlosen Zustand entrissen hatte und die auf die unwahrscheinlichste Weise zu mir zurückkam.
Mir fiel das Telefon aus der Hand. Ich saß weinend auf dem Boden. Nicht vor Schmerz. Sondern wegen der Wahrheit, die mich nun eingeholt hatte.
In dieser Nacht ging ich zu Lunas Zimmer. Sie schlief friedlich, die Hand an der Wange. Ich setzte mich an ihr Bettchen und verstand zum ersten Mal, warum ich sie in diesem Aufzug gefunden hatte. Warum sie sich in meinen Armen beruhigt hatte. Warum ich sie nie als das Kind eines anderen gesehen hatte.
Es war kein Schicksal. Es war Blut. Verlorene und wiedergefundene Liebe. Und ich wusste nur eines: Diesmal würde uns niemand trennen.