Angela arbeitete seit fast zwanzig Jahren in dem Motel. Sie hatte Betrunkene, Streitereien, Fluchten nach Mitternacht und Gäste erlebt, die nie auscheckten. Sie hatte gelernt, hinzusehen, aber nicht zu sehen. Zuzuhören, aber nicht zu hören. Es war ein notwendiger Schutzmechanismus. Bis Dienstag.
Kurz nach acht Uhr abends betrat ein Mann in den Vierzigern die Rezeption. Gepflegt, ruhig, mit einer Stimme, die zu gleichmäßig klang. Neben ihm stand ein Mädchen. Schlank, blond, mit einem schwarzen Rucksack in beiden Händen. Sie sah niemanden an. Sie blickte auf den Boden.
Der Mann fragte nach Zimmer 112 für eine Nacht. Seine andere Bitte war seltsam: Die Vorhänge sollten nicht zugezogen oder geputzt werden. Er unterschrieb und nahm den Schlüssel entgegen. Das Mädchen sagte kein Wort.
In der zweiten Nacht kehrten sie zurück. Gleiche Zeit. Gleiches Zimmer. Gleiche Stille.
In der dritten Nacht fühlte Angela eine tiefe Unruhe. Nicht die übliche, arbeitsbedingte, sondern eine schwere, persönliche. Das Mädchen war blasser. Der Mann war gereizter. Als er sie den Flur entlangführte, hielt er ihre Schulter zu fest, als fürchte er, sie würde weglaufen.
In der vierten Nacht stand Angela länger als sonst am Fenster. In der fünften Nacht konnte sie nicht schlafen.
In der sechsten Nacht beschloss sie zu handeln. Sie ging durch den Hintereingang hinaus, umrundete das Gebäude und blieb unter dem Fenster von Zimmer 112 stehen. Der Vorhang war nicht ganz zugezogen. Nur Silhouetten waren durch einen schmalen Spalt zu erkennen. Das genügte.
Der Mann beugte sich über das Mädchen. Das Mädchen saß auf dem Bett, ihre Schultern zitterten. Es wurde nicht geschrien. Nur Stille, die schlimmer war als der Lärm. Angela wich zurück. Ihre Knie gaben nach. Sie wusste, dass das, was sie sah, nicht stimmte.
Sie verließen das Zimmer um 10:19 Uhr morgens. Das Mädchen ging neben dem Mann her und umklammerte ihren Rucksack so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden. Sie konnte sich kaum auf den Beinen halten. Der Mann hielt ihren Arm fest, nicht etwa tröstend, sondern besitzergreifend. Als sie am Hauswirtschaftsraum vorbeigingen, bemerkte Angela, dass das Mädchen humpelte.
In diesem Moment beschloss sie, die Regeln zu brechen.
Sie wartete, bis der Mann zum Auto gegangen war. Dann klopfte sie leise an die Tür von Zimmer 112. Lange Zeit geschah nichts. Sie klopfte erneut.
Die Tür öffnete sich einen Spalt.
Angela sah das Mädchen. Sie saß auf dem Bett, den Rücken gekrümmt, die Augen rot. Frische blaue Flecken zierten ihren Hals. An ihren Handgelenken waren Spuren eines festen Griffs. Das Zimmer roch nach Desinfektionsmittel und etwas Metallischem.
Angela sagte nichts. Sie legte nur die Hand auf den Türknauf, um die Tür offen zu halten, und sagte leise: „Du bist in Sicherheit.“

Das Mädchen begann zu weinen.
Angela rief die Polizei. Nicht dramatisch. Ruhig. Genau. Sie beschrieb die Uhrzeiten, die Zimmernummer, die Häufigkeit der Besuche und das Verhalten des Mannes. Sie blieb bei dem Mädchen, bis sie ankamen.
Der Mann wurde am Auto festgenommen. Das Mädchen wurde ins Krankenhaus gebracht. Später stellte sich heraus, dass sie nicht seine Tochter war. Sie war als vermisst gemeldet worden.
Einige Wochen später erhielt Angela einen Brief. Er war kurz und in Kinderhandschrift geschrieben. Darin stand nur: „Danke fürs Zuschauen.“
Angela legte den Brief in eine Schublade. Sie wusste, dass manchmal nur eine einzige Regel genügt, um das Leben eines Menschen aus der Bahn zu werfen und ihn wieder auf den richtigen Weg zu bringen.
Und Zimmer 112 wurde nie wieder vermietet.