Zuerst war das Schlafzimmer leer. Die Kamera filmte lautlos das Bett, die Nachttische, die Badezimmertür. Alles wirkte ruhig, gewöhnlich, normal. Und das beruhigte mich – zumindest für ein paar Minuten.
Dann öffnete sich die Tür.
Mein Mann kam herein. Er wirkte nicht nervös. Er hatte eine Tasse in der Hand, stellte sie auf den Nachttisch und setzte sich auf die Bettkante, genau dort, wo ich schlief. Ich fragte mich, ob ich gleich eine andere Frau sehen würde – ein fremdes Parfüm, fremde Hände, einen fremden Körper an meiner Stelle.
Aber er saß allein da. Und er lächelte still.
Plötzlich bückte er sich, zum Boden, an eine Stelle, wo die Kamera ihn nicht optimal einfing. Er legte etwas hin. Er kramte eine Weile in unserem Nachttisch und zog Gegenstände hervor, die ich dort noch nie zuvor gesehen hatte – eine kleine Schachtel, einen Schlüssel, ein Bündel Papiere, das mit einem Gummiband zusammengebunden war.
Er stellte alles auf den Boden neben das Ding, das er mitgebracht hatte.
Dann geschah etwas, das mich völlig innehalten ließ.
Mein Mann kniete sich neben all die Sachen. Und er senkte den Kopf. So tief hatte ich ihn noch nie gesehen. Nicht wie jemand, der betet. Nicht wie jemand, der sich entschuldigt. Sondern wie jemand, der sich ergibt. Freiwillig. Ohne Scham.
Mir entfuhr eine Träne. Nicht, weil er mich betrog, sondern weil ich meinen Mann in diesem Moment nicht wiedererkannte.
Dann sah er auf.
Und sein Gesicht war anders.
Kalt. Leer. Abwesend. Er war nicht mehr der Mann, den ich geheiratet hatte. Er war nicht mehr der Mann, der mir das Frühstück ans Bett brachte, als ich krank war. Das war nicht mehr der Mann, der gelacht hatte, als ich so tat, als könnte ich den Ofen nicht anmachen.
Das war ein ganz anderer Mensch.
Er streckte die Hand aus und legte sie auf das geheimnisvolle Ding auf dem Boden. Und in diesem Moment fokussierte die Kamera endlich.
Es war eine kleine Holzkiste. Älter, geschnitzt, mit einem Symbol, das ich noch nie gesehen hatte. Sie wirkte fast wie ein Familienerbstück, aber er hatte nie darüber gesprochen.
Er öffnete sie.
Und darin befanden sich Gegenstände, die mir den Atem raubten.
Alte Fotos von mir. Oder besser gesagt, Fotos von mir selbst, Nahaufnahmen und Aufnahmen aus der Ferne, zu verschiedenen Zeiten unserer Beziehung. Fotos, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte. Einige waren eindeutig beim Einkaufen entstanden. Andere, als ich mit Freunden in einem Café saß.
Und eines – das schlimmste – stammte aus der Zeit, bevor wir uns überhaupt kannten.
Er stand in der Ecke des Schlafzimmers und hielt ein Foto von mir aus meiner Studienzeit in der Hand. Sein Daumen strich über den Rand, als wäre es ein heiliges Objekt.
Gerade als mir die Luft wegblieb, sprach er.
Laut.

In die Stille des Zimmers hinein.
„Ich weiß, du kommst bald zurück“, sagte er. „Wie immer. Und dieses Mal gehörst du nur mir.“
Ich erstarrte. Die Sonne über mir schien plötzlich zu Eis zu gefrieren. Tausende Kilometer entfernt, fühlte es sich an, als stünde er direkt neben mir.
Dann zog er etwas aus der Tasche.
Es war ein altes Tagebuch. Er schlug es auf einer Seite auf, die in seiner Handschrift beschrieben war, aber nicht mit meinem Namen. Dort stand der Name einer ganz anderen Frau. Und darunter Dutzende von Sätzen – Beschreibungen, Beobachtungen, Details aus ihrem Leben.
Und auf der letzten Seite ein rot eingekreistes Wort:
„Unvollendet.“
Ich sah ihm zu, wie er das Tagebuch vorsichtig schloss, über den Einband strich und es zurück in die Schachtel legte. Dann zog er ein neues Notizbuch hervor. Sauber. Unbeschrieben. Und schrieb meinen Namen auf die erste Seite.
Und dann weitere Worte:
„Ich werde das beenden, wofür ich damals keine Zeit hatte.“
In diesem Moment konnte ich mich nicht mehr beherrschen, und mir wäre beinahe das Telefon aus der Hand gefallen. Mein einziger Gedanke war: Ich muss nach Hause. Ich muss herausfinden, wer dieser Mensch ist. Ich muss wissen, was er im Schilde führt.
Doch als ich wieder in die Kamera blickte, sah ich, wie sich mein Mann plötzlich zu ihr umdrehte. Langsam und fließend. Als wüsste er, dass ich zusah.
Als wüsste er, dass ich am anderen Ende der Welt war.
Sein Blick war eisig, unbeweglich, unnatürlich ruhig.
Und dann tat er etwas, das mir den Atem raubte.
Er lächelte.
Und sagte in das leere Schlafzimmer:
„Jetzt wisst ihr es.“