Die dritte Nachricht erreichte mich, als ich nach Luft rang. Das Stimmengewirr um mich herum verstummte, als hätte jemand den Ton von der Realität getrennt. Ich hoffte fast, es sei nur ein grausamer Scherz, ein Irrtum, ein Netzwerkfehler, eine Art Umleitung.
Doch die dritte Nachricht war anders.
Sie kam verzögert. Lang, quälend, als ob jemand überlegte, ob er sie überhaupt abschicken sollte.
Und dann erschien die Nachricht.
„Was du im Sarg siehst … bin nicht ich.“
Meine Beine gaben nach. Ich musste mich am Rand des Kerzentisches festhalten, um nicht in die Knie zu fallen. Vor mir lag ein reich verzierter, geschlossener Eichensarkophag, umgeben von Trauerblumen, Fotos meines Mannes und Beileidskarten. Alle waren da, um sich von ihm zu verabschieden.
Aber er hatte mir gerade geschrieben, dass er nicht dort liegt.
Die letzten Tage schossen mir durch den Kopf. Wie schnell alles gegangen war. Wie schnell der Fall abgeschlossen worden war. Wie wenige Fragen tatsächlich gestellt worden waren. Wie der Arzt mich lange Zeit nicht einmal seinen Leichnam hatte sehen lassen – angeblich, um mich zu „schonen“.
Und dann der Satz, den ich damals hätte hören und ignorieren sollen:
„Es ist besser, den Sarg zu schließen. Es ist nicht schön.“
Aber plötzlich ergab alles keinen Sinn mehr.
Mit zitternden Fingern klickte ich auf die Antwort. Ich schrieb einen einzigen Satz:
„Wer sind Sie?“
Drei Punkte, als würde jemand schreiben. Und dann …
„Er.“
Stille. Meine Ohren klingelten. Mein Herz hämmerte so heftig, dass ich dachte, ich würde ohnmächtig werden.
Ich zog meine Hand weg, damit niemand das Handy sah. Ich sah mich um. Die Leute blickten traurig auf die Blumen, auf den Sarg, auf meinen Sohn, der seiner Frau die Tränen abwischte. Alles schien normal.

Aber nichts war mehr normal.
Das Telefon piepte erneut.
„Die Leiche dort gehört jemand anderem. Such mein Auto. Es steht im Wald.“
Ich erstarrte. Mir stockte der Atem.
Das Auto. Der Wald.
Fragmente von Erinnerungen kamen mir wieder in den Sinn. Mein Mann hatte immer die Angewohnheit, anzurufen, wenn er unterwegs war. An diesem Tag – dem Tag, an dem er starb – rief er nicht an. Er schickte mir nur eine kurze SMS, dass er früher nach Hause fahre.
Aber er kam nie nach Hause.
Die Polizei sagte, er sei auf der Arbeit zusammengebrochen. Dass sie ihn direkt ins Krankenhaus gebracht hätten. Dass es ein Herzinfarkt gewesen sei.
Aber warum hatten sie mich die Leiche nicht sehen lassen, bevor sie in die Leichenhalle gebracht wurde?
Warum war alles so schnell gegangen?
Und warum schrieb mir jetzt jemand von seiner Nummer?
Noch eine Nachricht.
„Sie sind unterwegs. Lauf!“
Mein Blick huschte zu meinem Sohn und seiner Frau. Als sie meinen Blick erwiderten, senkten beide schnell die Augen, als wollten sie nicht, dass ich etwas hineininterpretierte.
In diesem Moment stellten sich mir alle Haare zu Berge.
Mein Handy klingelte.
Diesmal keine Nachricht. Ein Anruf. Dieselbe Nummer. Seine Nummer.
Mein Herz raste.
Um mich herum herrschte Stille, denn das Läuten einer Totenglocke klang verboten, fast blasphemisch.
Ich drückte auf „Ablehnen“. Ich brachte es nicht übers Herz, ranzugehen.
Fünf Sekunden später kam die Nachricht.
„Geh ran. Wir haben keine Zeit.“
Wie vom Blitz getroffen, bewegten sich meine Finger wie von selbst. Ich nahm den Anruf an und presste das Handy ans Ohr.
Atem.
Ich hörte nur tiefes, schweres Atmen. Nicht roboterhaft, nicht verzerrt. Menschlich. Lebendig.
„Hallo?“, flüsterte ich. „Wer sind Sie?“
Einen Moment lang Stille. Und dann …
„Tun Sie genau, was ich sage“, sagte die Stimme. „Bitte. Es geht um Leben und Tod.“
Es war seine Stimme.
Ich hätte sie unter tausend anderen erkannt. Dieser Tonfall, dieses Verlangsamen am Ende der Sätze, dieser Seufzer vor einem komplexen Satz. Es war keine Aufnahme. Es war keine Imitation.
Es war er.
„Ich kann nicht lange reden“, fuhr er fort. „Jemand hört zu. Sie hören alles. Laufen Sie von der Beerdigung weg. Sofort. Und Ihr Sohn darf Sie nicht sehen.“
Mir wurden die Knie weich. Ich sah mich schnell um. Mein Sohn stand ein paar Schritte entfernt – und beobachtete mich, ohne zu blinzeln.
Die Stimme meines Mannes am Telefon wurde lauter, aber er flüsterte immer noch:
„Wo mein Auto steht, wirst du die Wahrheit finden. Und du wirst sehen, wer mich verraten hat.“
Ich sah meinem Sohn in die Augen.
In diesem einen Augenblick begriff ich, dass meine Welt zusammengebrochen war.
Und die nächsten Worte meines Mannes, kurz bevor das Gespräch aufhörte, zerstörten auch noch den letzten Rest an Gewissheit in mir.
„Sie wollten mich tot sehen. Und jetzt wollen sie dich auch.“
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Die Trauermusik verstummte.
Und mir wurde klar, dass ich, wenn ich hier bliebe, vielleicht nie lebend herauskommen würde.