Er fuhr auf einer verschneiten Waldstraße, die er auswendig kannte. Er war sie jeden Winter so oft gefahren, dass er jeden Baum, jede Kurve und jede Stelle, an der die Straße leicht abfiel, beschreiben konnte. Doch diesmal beschlich ihn ein seltsames Gefühl, als ob ihn etwas zum Langsamfahren zwang. Vielleicht war es die Müdigkeit, vielleicht die Stille des Waldes, die sich anders anhörte als sonst. Und dann sah er es.
Leuchtend rote Farbe am Straßenrand. Im Wintergrau wirkte sie wie vergossenes Blut. Er bremste scharf, die Räder sprangen kurz auf dem Eis auf, und der Wagen kam zum Stehen. Er stieg aus, und der Schnee knirschte sofort unter seinen Füßen. Der Frost brannte in seinen Lungen, doch er bemerkte es nicht. Er fuhr genau dorthin, wo er den roten Fleck gesehen hatte.
Es war eine Jacke. Klein, kindlich, mit einer Pelzkapuze. Genau wie das Kleid, das seine Enkelin Lera trug. Er wollte es nicht glauben. Die Welt stand einen Moment lang still, als er im Spiegel ein Gesicht sah, das er besser kannte als sein eigenes.
Lera lag im Schnee, die Augen geschlossen, ihre Haut so weiß wie der Winter selbst. Ihre Arme hingen schlaff neben ihr, Schneeflocken hatten sich in ihrem Haar verfangen.
„Lero …“, flüsterte er mit zitternder Stimme. Er kniete sich in den Schnee, der seine Knie brannte, und packte ihre kleine Schulter. „Lero, kannst du mich hören? Komm schon …“
Nichts.
Nur der Wind in den Bäumen, der wie ein verwundetes Tier heulte.
Er beugte sich zu ihr hinunter und versuchte mit aller Kraft, wenigstens ein wenig Ruhe zu bewahren. Er begann, ihre Hände, Handflächen und Wangen zu streicheln. Ihre Haut war eiskalt. Auch seine Finger wurden kalt, aber er hörte nicht auf. Verzweifelt rief er nach ihr, als ob ihn jemand hören könnte.
„So kannst du hier nicht bleiben, Lera. Wach auf, mein Kind, wach auf …“
Und dann – als hätte sie aus den Tiefen des Wassers geatmet – zuckte sie zusammen. Plötzlich, schmerzhaft, wie jemand, der aus einem Albtraum erwacht. Ihre Augen flogen auf, die Pupillen vor Entsetzen geweitet.
„Großvater …“, flüsterte sie.

Eine schwache Stimme, gebrochen von ihrem Atem.
„Er … wird zurückkommen.“
Der Mann kniete steif da.
„Wer? Lera, wer? Was ist hier passiert? Du warst doch in der Schule, oder? Wie bist du hierhergekommen, in den Wald?“
Lera zitterte und klammerte sich an den Mantel ihres Großvaters, als fürchtete sie, jemand würde sie zurück in die Dunkelheit zerren.
„Ich … ich war auf dem Heimweg. Ich war allein. Und dann …“ Sie schluckte, als schmerzten die Worte.
„Er folgte mir.“
„Wer?“ Großvater wiederholte es, diesmal schärfer, sein Herz hämmerte vor Angst.
„Dieser Mann“, flüsterte sie. „Mit der Kapuze. Er folgte mir den Pfad entlang. Erst langsam. Dann schneller. Ich rannte. Ich rutschte aus, ich fiel hin …“
Sie schloss kurz die Augen, als ob Bilder, die sie nicht sehen wollte, zurückkehrten.
„Er hielt meine Hand. Er zog mich weg. In den Wald. Er sagte, niemand würde mich finden. Er hielt mich so fest … ich konnte nicht schreien.“
Großvaters Kehle schnürte sich zu.
„Wie bist du da rausgekommen?“
Und dann sagte das Mädchen etwas, das ihm buchstäblich den Atem raubte.
„Er hat mich losgelassen“, flüsterte sie. „Nur kurz. Er sagte, er müsse etwas aus dem Auto holen. Und dass er wiederkommen würde. Und dass er mich mitnehmen würde.“
Der Großvater erstarrte.
Das bedeutete, der Mann war noch irgendwo in der Nähe.
Er sah auf die Fußspuren. Die großen – tief, männlich – führten in den Wald. Die kleinen, Lerinas, endeten genau dort, wo sie gelegen hatte. Als wäre sie zu Boden gefallen und nie wieder aufgestanden.
Der Wind blies noch stärker. Die Bäume knarrten leise.
Und dann … kam es.
In der Ferne hörte man das Knacken von Ästen.
Nicht nur einmal. Zweimal. Es wiederholte sich.
Wie Schritte.
Der Mann drückte seine Enkelin fester an sich und hob sie hoch. Ihr Körper war federleicht, doch sie zitterte vor Angst.
„Wir müssen gehen“, flüsterte er. „Jetzt. Sofort.“
Doch bevor er aufstehen konnte, packte Lera ihn wieder am Mantel und umarmte ihn.
„Opa“, sagte sie zitternd, „ich habe ihn gesehen.“
„Wann?“
„Jetzt. Er steht da … zwischen den Bäumen.“
Der Mann drehte sich langsam um.
Und was er zwischen den Baumstämmen sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.
Eine Gestalt stand zwischen den Bäumen. Groß. Regungslos. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Eine Silhouette, die in der Dunkelheit fast unsichtbar war. Nur ein schwacher Metallschimmer – vielleicht eine Schnalle, vielleicht ein Messer – reflektierte das Winterlicht.
Und dann begann sich die Gestalt zu bewegen.
Langsam.
Als wüsste sie, dass sie ihre Beute nicht wieder verlieren würde.