Der Morgen hatte harmlos begonnen. Anna wachte mit pochenden Kopfschmerzen auf, die wie ein fremdes, unerwünschtes Flüstern in ihren Schläfen schmerzten. Sie konnte sich nicht auf die Arbeit konzentrieren, jeder Satz klang schwer, jede Aufgabe wie ein Stein. Sie bat darum, früher gehen zu dürfen, weil sie Angst hatte, zusammenzubrechen.
Sie wollte nicht nach Hause. Sie wusste, was sie erwartete: Lärm, Pflichten, Kochen, endlose Routine. Seit Wochen hatte sie sich nach nur einem Tag Stille gesehnt, nach einem Ort, an dem sie keine Sätze hören würde wie: „Ancho, wo sind meine Hemden?“, „Mama sagt, du sollst mehr putzen“, „Du solltest zu Hause sein, wenn ich von der Arbeit komme.“
So setzte sie sich spontan ins Auto und fuhr zur Datscha. Sie sehnte sich nach der Fahrt, die sie schon kannte: Wälder, Stille, der Duft von Kiefernnadeln. Drei Kilometer vor ihrem Ziel spürte sie den Frieden, den sie so lange vermisst hatte. Zwei Kilometer. Einen. Als vor ihr ein altes Holzdach auftauchte, lächelte sie sogar.
Doch das Lächeln erstarb, sobald sie das angelehnte Tor sah. Sie hatten es nie vergessen zu schließen. Niemals. Und die Haustür? Weit offen.
Anna spürte ein kaltes Unbehagen in sich aufsteigen. Sie wich einen Schritt zurück, holte dann tief Luft und betrat den Hof. Schritt für Schritt, leise, fast auf Zehenspitzen, näherte sie sich dem Küchenfenster.
Und da sah sie sie.
Ihren Mann und seine Mutter. Sie standen zu nah beieinander. Angespannte Gesichter, hektische Bewegungen, Blicke, die durch den Raum huschten. Die Schwiegermutter gestikulierte wild, als fürchte sie, die Kontrolle zu verlieren. Die Lippen ihres Mannes waren zusammengepresst, als wolle er etwas sagen, das ihn bedrückte. Oder ihn beunruhigte. Oder ihm Angst machte.
Anna hielt den Atem an und duckte sich noch tiefer, damit sie sie nicht sahen. Nach und nach näherte sie sich dem Fenster und hörte endlich die Worte. Zuerst nur Bruchstücke, dann ganze Sätze.
Und jedes weitere Wort stach wie ein Nadelstich.

„Wir müssen es heute tun“, zischte ihre Schwiegermutter. „Warte nicht. Wenn sie herausfindet, was du getan hast, ist alles vorbei.“
Anna kauerte sich zusammen. Ihr Herz hämmerte so heftig, dass sie Angst hatte, sie zu hören.
„Noch nicht“, erwiderte ihr Mann. „Ich will nichts überstürzen. Ich will nicht, dass sie etwas merkt.“
„Sie hat es schon bemerkt“, erhob ihre Schwiegermutter die Stimme. „Die Frau ist nicht dumm. Wir werden es nicht lange geheim halten. Sie hat gestern schon gefragt, warum du so spät gekommen bist.“ Einen Moment lang Stille. „Wir müssen sie wegbringen. Und zwar schnell.“
Anna spürte, wie ihre Knie nachgaben. Ihr wurde schwindelig. Weg? Wovon? Warum reden sie über sie? Was verbergen sie?
„Aber sie geht nicht allein“, sagte ihr Mann heiser. „Wir müssen sie dazu zwingen.“
Die Schwiegermutter beugte sich näher zu ihr und flüsterte etwas, das Anna nicht verstehen konnte. Doch der Tonfall genügte. Kalt. Bedrohlich. Als planten sie etwas, das sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können.
Anna versuchte, vom Fenster zurückzuweichen, doch ihr Fuß blieb an einem trockenen Ast hängen. Es knackte. Leise, aber in der Stille des Gartens zu laut. Ihr Mann drehte sich zum Fenster um. Anna erstarrte. Ihr stockte der Atem. Ein Moment, der sich wie eine Ewigkeit anfühlte.
„Hast du das gehört?“, fragte ihr Mann scharf.
„Vielleicht eine Katze“, schnauzte die Schwiegermutter, doch Panik lag in ihrer Stimme.
„Katzen brechen keine Äste so ab“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Er ging zur Tür.
Anna begann, sich langsam vom Fenster zu entfernen. Jeder Schritt quälend langsam, jeder Atemzug wie ein Nadelstich in die Lunge. Sie wusste, wenn er sie sah, war es vorbei. Was auch immer sie planten, sie durfte nicht Zeugin sein.
Ihr Mann stürmte aus der Tür, sah sich um und ging genau dorthin, wo Anna eben noch gestanden hatte. Sie hatte sich inzwischen hinter einer Hausecke versteckt und lehnte sich an die Wand, die Autoschlüssel zitterten zwischen ihren Fingern.
„Niemand ist da“, rief er nach einer Weile ins Haus, doch seine Stimme war nicht ruhig.
In diesem Moment verstand Anna nur eines:
Sie konnte keine Sekunde länger dort bleiben.
Sie wartete auf nichts. Sie rannte zum Auto, öffnete die Tür und startete den Motor. Es fühlte sich an, als ob er unglaublich langsam anspringen wollte. Als er es endlich tat, schoss sie mit solcher Geschwindigkeit aus der Einfahrt, dass ihre Reifen über den Kies schrammten.
Im Rückspiegel erhaschte sie einen Blick auf ihren Mann, der vor dem Haus stand und die Augen zusammenkniff, um auf die Straße zu sehen. Als ob er es geahnt hätte. Als ob er es gewusst hätte.
Und in diesem Moment traf es sie wie ein Schlag:
Er hätte nicht da sein dürfen.
Nicht einmal ihre Schwiegermutter.
Sie hatte niemandem gesagt, dass sie zur Datscha fahren würde.
Woher wussten sie also, dass sie dort sein würden?