Doch niemand ahnte, dass die Krankenschwester wenige Stunden später die Tür öffnen und etwas sehen würde, das sie sofort den Arzt rufen ließ.
Das Palliativzimmer war an diesem Nachmittag fast rührend still.
Draußen fiel leise Regen.
Die Krankenhausflure waren ungewöhnlich ruhig. Nur die fernen Schritte des Personals und das regelmäßige Piepen der Monitore erinnerten ihn daran, dass das Gebäude noch belebt war.
In Zimmer 214 lag der 82-jährige Viktor.
Er wusste seit einigen Wochen, dass seine Zeit ablief.
Die Ärzte hatten ihm keine Versprechungen gemacht.
Die Krankheit hatte sich auf mehrere Organe ausgebreitet, und die Behandlung zielte nicht mehr auf Heilung ab, sondern nur noch auf Schmerzlinderung.
„Vielleicht ein paar Tage“, sagte der Arzt zu ihm.
„Vielleicht weniger.“
Viktor nickte nur.
Der Tod ängstigte ihn nicht so sehr, wie die Leute dachten.
Er hatte schon zu viel durchgemacht.
Vor Jahren starb seine Frau.
Dann verlor er seinen einzigen Sohn.
Sein Haus wurde von einer Überschwemmung beschädigt, und fast alles, was er sein Leben lang angesammelt hatte, verschwand in einer einzigen Nacht.
Nach und nach verließen ihn seine Freunde.
Manche starben.
Andere zogen weg.
Und am Ende blieb nur noch einer übrig, der ihn nicht im Stich ließ.
Eigentlich war es kein Mensch.
Er war ein Hund.
Sein Name war Bruno.
Viktor hatte ihn vor sechzehn Jahren am Straßenrand gefunden.
Es war ein Spätherbstmorgen.
Der Hund war abgemagert, fror und hatte eine verletzte Pfote.
Als Viktor anhielt, versuchte der Hund zuerst wegzulaufen.
Aber er hatte nicht die Kraft dazu.
Viktor nahm ihn in die Arme und brachte ihn zum Tierarzt.
„Behalten Sie ihn“, hatte der Tierarzt damals gesagt.
„Niemand sucht ihn.“
Viktor lächelte.
„Dann brauchen sie ihn auch nicht mehr zu suchen.“
Seit diesem Tag waren sie zusammen.
Bruno schlief neben seinem Bett.
Er wartete draußen vor dem Laden auf ihn.
Er saß an der Tür, während Viktor im Garten arbeitete.
Und als Viktors Frau starb, war Bruno der Einzige, der die ganze Nacht an seiner Seite blieb.
Als sein Sohn starb, lag der Hund tagelang zu seinen Füßen.
Und als die Flut kam und Viktor fast alles verlor, saß Bruno neben ihm auf der Haustreppe und weigerte sich, ihn zu verlassen.
Viktor sagte oft:
„Am Ende waren nur noch wir beide übrig.“
Aber jetzt war Bruno nicht im Krankenhaus.
Die Krankenhausregeln waren eindeutig.
Tiere durften nicht in die Patientenzimmer.
Das verstand Viktor.
Doch je näher er dem Ende kam, desto öfter fragte er nach seinem Hund.
„Wie geht es ihm?“
„Hat er gefressen?“
„Ist er allein zu Hause?“
Eines Morgens kam Schwester Anna, um nach ihm zu sehen.
Viktor nahm ihre Hand.
„Schwester.“
„Ja?“
„Darf ich Sie etwas fragen?“
„Natürlich.“
„Bringen Sie Bruno zu mir.“
Anna schwieg.
„Sie wissen, dass Hunde hier nicht erlaubt sind.“
„Ich weiß.“
Viktor blickte zum Fenster.
„Aber ich habe nicht mehr viel Zeit.“
Anna sah etwas in seinen Augen, das sie tief berührte.
Es war keine Panik.
Es war Angst.
Die Angst, zu sterben, bevor er sich von seinem treuesten Freund verabschieden konnte.
Also tat Anna etwas, was sie normalerweise nicht tun würde.
Sie ging zum Chefarzt.
Sie erklärte ihm die Situation.
Nach einigen Telefonaten machte das Krankenhaus eine Ausnahme.
Bruno durfte kommen.
Nur für kurze Zeit.
Er musste sauber und ruhig sein und unter Aufsicht stehen.
Als sich die Tür zum Zimmer endlich öffnete, blickte Viktor auf.
Bruno stand im Flur.
Er war alt.
Sein Fell war grau.
Sein Gang war nicht mehr so sicher wie früher.
Doch sobald er sein Herrchen sah, beschleunigte er sofort.
Er betrat das Zimmer.
Viktor brach in Tränen aus.
„Bruno.“
Der Hund gab ein leises Wimmern von sich.
Er kam zum Bett.
Er legte seine Vorderpfoten auf die Matratze und näherte sich vorsichtig Viktors Gesicht.
Viktor streichelte ihn.

„Komm her, alter Mann.“
Bruno legte sich neben ihn.
Er bettete seinen Kopf auf Viktors Schulter.
Viktor schloss die Augen.
„Verzeih mir.“
Der Hund rührte sich nicht.
„Danke.“
Viktor holte tief Luft.
„Für alles.“
Seine Stimme zitterte.
„Dafür, dass du geblieben bist.“
Bruno wimmerte leise.
Anna stand an der Tür.
Sie konnte ihre Tränen nicht zurückhalten.
Nach ein paar Minuten ging sie leise hinaus.
Sie wollte ihnen etwas Privatsphäre gönnen.
Bevor sie ging, drehte sie sich noch einmal um.
Viktor streichelte Brunos Kopf.
Der Hund schmiegte sich eng an ihn.
Die Tür schloss sich.
Eine Stunde verging.
Dann zwei.
Das Personal beschloss, sie nicht zu stören.
Kurz nach Mitternacht erhielt Anna jedoch die Nachricht, dass sich Viktors Zustand plötzlich verschlechtert hatte.
Sie nahm den Krankenwagen und eilte zum Zimmer.
Sie legte die Hand auf den Türknauf.
Sie öffnete die Tür.
Und erstarrte sofort.
Der Monitor piepte nicht mehr wie sonst.
Der Bildschirm war fast spiegellos.
Anna rannte zum Bett.
„Herr Viktor!“
Viktor reagierte nicht.
Seine Augen waren geschlossen.
Anna griff nach seinem Handgelenk.
Und dann bemerkte sie etwas, das sie erschreckte.
Bruno lag auf dem Bett.
Sein Kopf ruhte auf Viktors Brust.
Der Hund rührte sich nicht.
„Bruno?“
Anna streichelte ihn vorsichtig.
Keine Reaktion.
Sie rief den Arzt.
„Doktor! Schnell!“
Der Arzt eilte ins Zimmer.
Er untersuchte Viktor.
Dann Bruno.
Er hielt einen Moment inne.
„Was ist passiert?“, fragte Anna.
Der Arzt sah auf den Monitor.
„Viktor ist vor wenigen Minuten gestorben.“
Anna brach in Tränen aus.
„Und der Hund?“
Der Arzt untersuchte Bruno erneut.
„Auch.“
Anna wich zurück.
„Er … ist auch gestorben?“
Der Arzt nickte.
Niemand wusste genau, wie lange Bruno auf Viktors Brust gelegen hatte.
Doch der Tierarzt bestätigte später etwas Merkwürdiges.
Bruno war nicht an seinen Verletzungen gestorben.
Er war nicht eines gewaltsamen Todes gestorben.