Ich war nie die Art von Mutter gewesen, die ihr Kind jede Nacht bei sich behielt. Nicht aus Gefühllosigkeit, sondern aus Überzeugung. Ich glaubte, ein Kind brauche seinen eigenen Raum, seine eigene Welt, einen Ort, an dem es lernen konnte, selbstständig zu sein. Meine achtjährige Tochter Emily hatte ein Zimmer, das genau dem entsprach, was sich jedes Kind wünscht: geräumig, hell, mit einem großen Bett, das fast zu groß für ihren zierlichen Körper war. Regale voller Bücher, Kuscheltiere, sorgfältig an der Wand arrangiert, eine Nachttischlampe mit warmem Licht. Jeden Abend dasselbe Ritual – eine Geschichte, ein Kuss auf die Stirn, Licht aus. Sie hatte nie Angst im Dunkeln. Sie weinte nie.
Bis zu jenem Morgen.
Ich stand in der Küche und bereitete das Frühstück zu, als Emily sich an mich heranschlich. Sie war zerzaust, die Augen halb geschlossen. Wortlos legte sie ihren Arm um meine Taille und blieb einen Moment stehen. Als ich fragte, was los sei, sagte sie leise, sie hätte schlecht geschlafen. Dann, nach einer kurzen Pause, fügte sie einen Satz hinzu, den ich von da an jeden Morgen wiederholte: Ihr Bett sei zu klein.
Ich lachte. Ich erklärte ihr, dass ihr Bett größer sei als die meisten Kinderbetten und dass Kuscheltiere nicht so viel Platz nähmen. Sie nickte, aber ohne Überzeugung. Sie sagte, sie hätte sie gestern Abend weggeräumt. Ich strich ihr über die Haare und schenkte dem keine weitere Beachtung. Manchmal erfinden Kinder eben Dinge. Dachte ich.
Am nächsten Morgen sagte sie es wieder. Und dann wieder. Dieselben Worte, derselbe Tonfall. Mir fielen immer mehr Kleinigkeiten auf. Die Ringe unter ihren Augen. Die Müdigkeit. Dass sie morgens früher als sonst aufwachte. Nach einer Woche fragte sie mich, ob ich nachts zu ihr käme. Als ich verneinte, zögerte sie und fügte dann leise hinzu, sie habe das Gefühl, jemand schlafe neben ihr.

Ich sagte ihr, sie träume. Aber ich glaubte es selbst nicht.
Mein Mann Daniel, ein Chirurg, der die meiste Zeit arbeitete, tat meine Bedenken ab. Kindische Fantasie. Stress. Albträume. Ich wollte nicht streiten. Stattdessen kaufte ich eine kleine Überwachungskamera und installierte sie unauffällig in einer Ecke der Zimmerdecke. Ich dachte, das würde mich beruhigen.
Die erste Nacht verlief ruhig. Emily schlief die ganze Nacht durch, ohne sich zu bewegen. Das Bett sah morgens genauso aus wie abends. Ich war erleichtert.
In der zweiten Nacht wachte ich gegen 2 Uhr morgens auf. Mein Mund war trocken. Ich stand auf, ging ins Wohnzimmer und öffnete fast automatisch die Kamera-App. Ich erwartete nichts. Nur einen kurzen Blick.
Was ich sah, ließ mich wie angewurzelt stehen.
Emily lag nicht in der Mitte des Bettes. Sie war an den Rand gedrängt, ihr Körper verdreht, als wollte sie sich Platz verschaffen. Die Decke war zusammengefaltet. Und neben ihr war eine deutliche Vertiefung. Keine Bewegung. Keine Gestalt. Nur ein Abdruck, der sich langsam, fast unmerklich vertiefte, als hätte sich jemand gerade hingelegt.
Ich saß still. Mein Atem war so leise, dass ich das Gefühl hatte, wenn ich lauter atmete, würde sich etwas bewegen. Die Kamera lief. Der Abdruck blieb einige Minuten lang zu sehen. Dann begann er sich zu glätten.
Am Morgen erzählte mir Emily, dass ihr Bett wieder zu klein sei.
Erst da begriff ich, dass das Problem nicht das Bett war.
Und dass manche Dinge in Kinderträumen nicht passen – aber in der Realität schon.