Es waren noch zwanzig Minuten bis zum Ende ihrer Schicht. Für Anna war es einer dieser Abende, an denen sich ihr Körper wie von selbst bewegte und ihre Gedanken schon ganz bei sich waren. Sie dachte an eine heiße Dusche, die Stille ihrer Wohnung und den Tag, der endlich ohne Drama enden würde. Da ertönte die scharfe Stimme der Leitstelle über Funk. Dringende Evakuierung. Ein Mann in Lebensgefahr. Adresse: eine private Villa im teuersten Viertel der Stadt.
Anna seufzte leise. Sie wusste, dass eine Weigerung ausgeschlossen war. Arbeit ist Arbeit. Sie zog ihre Jacke an, stieg in den Krankenwagen, und innerhalb weniger Minuten verschwamm die Stadt draußen vor den Fenstern zu einem einzigen Lichtschleier. Die Sirene durchschnitt die Nacht, und Anna versuchte, sich nur auf die Abläufe, die Protokolle, auf das zu konzentrieren, was sie am besten konnte.
Die Tore des Herrenhauses öffneten sich, noch bevor sie klingeln konnten. Der Wachmann ließ sie wortlos ein. Das Haus wirkte kalt und distanziert. Marmorböden, hohe Decken, Gemälde in schweren Goldrahmen. Luxus, der nicht bewundert, sondern zur Machtdemonstration gedacht war. Alles war still, fast unnatürlich.
Der Patient lag in einem Schlafzimmer im obersten Stockwerk. Ein Mann in den Fünfzigern, blass, schweißgebadet, mit unregelmäßiger Atmung. Die Untersuchung verlief schnell und professionell. Bluthochdruck, akuter Kollaps, aber sein Zustand war stabil. Anna verabreichte die Medikamente, erklärte die nächsten Schritte und war erleichtert. Dies war kein Fall, der tragisch enden würde.
Als sie gehen wollte, fiel ihr Blick unwillkürlich auf die Wand gegenüber dem Bett. Sie blieb stehen. Sie trat einen Schritt näher. Und noch einen.
An der Wand hing ein großes Porträt einer Frau im Brautkleid.
Es war sie.
Anna fühlte sich, als ob sich der Raum geneigt hätte. Das Gemälde war perfekt. Dieselbe Augen, dieselbe kleine Narbe über ihrer linken Augenbraue, derselbe Ausdruck, den sie aus dem Spiegel kannte, wenn sie müde oder nachdenklich war. Das Kleid war prächtig, ihr Haar elegant gekämmt, ihr Blick ernst und ruhig. Es war kein Abbild. Es war ihr Porträt.

Sie war nie verheiratet gewesen. Sie hatte nie für einen Maler Modell gestanden. Sie war nie in diesem Haus gewesen.
Sie hielt den Atem an und wandte sich dem Patienten zu. Der Mann beobachtete sie. In seinen Augen lag keine Überraschung. Eher Vorfreude.
„Sie haben es schon einmal gesehen“, sagte er leise.
Anna spürte, wie ihre Hände zitterten. Sie fragte, wer das Bild gemalt hatte. Wann. Und warum.
Der Mann richtete sich langsam auf. Er gab zu, sie sein ganzes Leben lang gekannt zu haben. Dass sie vor zwanzig Jahren zusammen gewesen waren. Dass sie verlobt gewesen waren. Und dass sie eines Tages verschwunden war.
Seinen Aussagen zufolge hatte sie einen schweren Unfall. Sie war wochenlang bewusstlos gewesen. Als sie aufwachte, konnte sie sich an nichts erinnern. Die Ärzte sagten, es sei eine traumatische Amnesie. Er hatte gekämpft, er hatte nach ihr gesucht, doch ihre Familie hatte die Stadt, den Namen, einfach alles verändert. Sie war aus seinem Leben verschwunden.
Er hatte das Porträt nach alten Fotos und Erinnerungen malen lassen. Als Erinnerung an die Frau, die er geliebt und verloren hatte.
Anna hörte zu, doch ihr Verstand weigerte sich, die Realität zu akzeptieren. Aber etwas in ihr zerbrach. Bruchstücke von Bildern, Gefühlen, vage Träume, die sie jahrelang gequält hatten, erklärten sich ihr plötzlich.
Sie ging nicht sofort. Sie saß minutenlang da, in einer Stille, die nicht feindselig, aber bedrückend war. Als sie schließlich aufstand, wusste sie nur eines: Ihr Leben, wie sie es gekannt hatte, existierte nicht mehr.
Dieser Notruf war nicht nur ein medizinischer Notfall. Er hatte ihr die Tür zur Wahrheit geöffnet, die ihr einst genommen worden war. Und das Porträt an der Wand war kein Symbol der Besessenheit, sondern der Beweis, dass manche Schicksale nicht ausgelöscht, sondern nur aufgeschoben werden können.
Anna ging verändert in die Nacht hinaus. Und sie wusste, dass sie sich entscheiden musste, ob sie eine Frau ohne Vergangenheit bleiben oder den Mut aufbringen wollte, herauszufinden, wer sie wirklich war.