Spencer blieb kaum einen Meter vor ihr stehen. Regentropfen rannen ihm über das graue Haar, sein Mantel klebte an seinem Körper, doch sein Blick blieb ruhig, fast zerbrechlich.

„Ich will dir nichts wegnehmen“, sagte er leise. „Ich will dich nur aus dem Regen bringen.“

Das Mädchen zögerte. Sie war dünn, aber ihre Haltung wirkte erwachsen, etwas, das nur Kinder besitzen, die zu früh gelernt haben, andere zu beschützen. Langsam wandte sie sich ihren Schwestern zu. Instinktiv rückten diese näher an sie heran.

„Wir setzen uns nicht zu Fremden“, flüsterte eine von ihnen.

Spencer nickte. „Das ist eine gute Regel.“

Er griff in seine Tasche und zog eine Visitenkarte heraus. Schlicht, ohne Gold, ohne Pomp. Nur ein Name.

Spencer Rylan.

Camille keuchte auf. Das Mädchen konnte nicht lesen, aber sie spürte die Bedeutung des Augenblicks. Nicht vom Papier. Vom Tonfall seiner Stimme. Der Mann kniete nicht vor ihnen, um freundlich zu wirken, sondern weil er es nicht mehr aushielt.

„Für eine Nacht“, fuhr er fort. „Wärme. Essen. Trockene Kleidung. Morgen könnt ihr hingehen, wohin ihr wollt.“

Der Regen wurde stärker. Eines der jüngsten Mädchen hustete, ein trockener, schmerzhafter Husten. Spencer hörte seine eigene Zukunft in dem Geräusch.

„Wie heißt du?“, fragte die Älteste.

„Spencer.“

„Ich bin Lily“, antwortete sie. „Und das sind Rose, Emily und Hope.“

Dieser letzte Name traf ihn mitten ins Herz.

Zehn Minuten später saßen die vier Kinder auf dem Rücksitz eines Luxus-SUVs, in Decken gehüllt, die Augen weit aufgerissen, als warteten sie darauf, dass der Traum jeden Moment verblasste. Spencer atmete schwer, sagte aber nichts. Camille reichte ihm diskret den Inhalator.

Die Villa, in der sie angekommen waren, war so still wie ein Grab. Als das Licht anging, blieben die Mädchen in der hohen Halle stehen.

„Ist das ein Palast?“, keuchte Emily.

„Es ist nur ein Haus“, korrigierte Spencer sie.

Die Bediensteten wollten Fragen stellen, doch ein einziger Blick ihres Herrn brachte sie zum Schweigen. Camille kümmerte sich sofort um die Kinder und bereitete ein Bad, trockene Pyjamas und Suppe vor. Lily weigerte sich zu essen, bis alle Schwestern am Tisch saßen.

Spencer beobachtete sie von seinem Stuhl aus. Etwas in ihm, das jahrelang tot gewesen war, erwachte schmerzhaft.

Als die Uhr Mitternacht schlug, legte sich der Sturm draußen. Die Mädchen schliefen bereits in einem großen Bett, eng aneinander gekuschelt wie immer. Spencer stand in der Tür und beobachtete sie länger, als ihm bewusst war.

Dann kam der Anfall.

Druck auf seiner Brust. Dunkelheit vor seinen Augen. Seine Knie gaben nach.

Camille war in Sekundenschnelle an seiner Seite. „Mr. Rylan!“

Das Geräusch weckte Lily. Sie öffnete die Augen und sah den Mann am Boden, die Schläuche, die Panik.

„Was ist los?“, flüsterte sie.

Spencer konnte kaum etwas hören. Aber er spürte die kleinen Hände, die sich ihm näherten. Sie zogen sich nicht zurück. Sie zögerten nicht.

„Atme“, sagte Lily, genau wie sie es den Krankenschwestern in ihren Albträumen gesagt hatte. „Wir sind da.“

Camille gab später zu, dass sich Spencers Zustand in diesem Moment stabilisiert hatte. Die Ärzte hätten es Zufall genannt. Sie nicht.

Am Morgen lebte Spencer. Schwach, aber bei Bewusstsein. Und zum ersten Mal seit Jahren wachte er nicht in Stille, sondern unter Lachen auf.

Sie setzten sich ans Bett.

„Du hast gesagt, wir könnten gehen“, sagte Lily vorsichtig.

Spencer schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, waren sie feucht.

„Ich habe gelogen“, gab er zu. „Ich hatte gehofft, du würdest bleiben.“

Wochen später waren die Anwälte außer sich, sein Neffe drohte mit einer Klage, und die Boulevardpresse tobte. Spencer Rylan hatte den Großteil seines Vermögens einem Fonds zum Schutz obdachloser Kinder übertragen. Und er hatte die vier Mädchen offiziell adoptiert.

Er lebte nicht lange.

Doch am Tag seiner Beerdigung standen die vier Mädchen in Schwarz, Hand in Hand, und in ihren Augen lag etwas, das kein Erbe kaufen kann.

Zuhause.

Und eine Liebe, die im letzten Moment kam – und doch alles veränderte.

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