Ich war diese Straße schon unzählige Male entlanggefahren. Im Sommer war sie alltäglich, im Winter still und düster, aber nie gefährlich. Der Wald erstreckte sich zu beiden Seiten wie eine dunkle Wand, der Schnee dämpfte die Geräusche, und die Scheinwerfer verschwanden zwischen den Baumstämmen. An diesem Tag war es still. Verdächtig still.
Es herrschte kaum Verkehr. Die Straße war fast leer. Ich schaltete die Musik ein, lehnte mich zurück und ließ meinen Gedanken freien Lauf. Es war einer dieser Momente, in denen man die Straße nicht mehr wahrnimmt und einfach nur noch automatisch fährt.
Und dann passierte es.
Die Bremslichter des Wagens vor mir leuchteten plötzlich hell auf. So schnell, dass ich keine Zeit zum Nachdenken hatte. Ich trat voll auf die Bremse, der Wagen geriet auf dem glatten Asphalt ins Schleudern, und ich verfehlte ihn nur knapp. Mein Herz raste, mein Magen verkrampfte sich.
Ich blickte auf die Straße und verstand in diesem Moment, warum.
Wölfe kamen aus dem Wald.
Nicht einer. Nicht zwei. Zehn, vielleicht mehr. Ein Rudel. Sie bewegten sich langsam, sicher, furchtlos. Ihre grauen Gestalten hoben sich vom weißen Schnee ab, ihre Augen spiegelten die Scheinwerfer. Sie wirkten nicht verwirrt. Sie sahen aus, als wüssten sie genau, wo sie waren.
Sie blieben mitten auf der Straße stehen.
Mein Motor lief, aber mein Körper gehorchte mir nicht. Die Wölfe verteilten sich um die Autos. Einige blieben stehen, andere tauchten zwischen den Bäumen auf. Die Straße schloss sich zu einem Kreis.
Einer von ihnen trat vor.
Er war größer als die anderen. Er ging direkt auf mein Auto zu und blieb ein paar Meter vor der Windschutzscheibe stehen. Er sah mich an. Nicht aggressiv. Nicht wütend. Sein Blick war ruhig, fast suchend. Ich hatte das Gefühl, er blickte durch das Glas, durch das Metall, direkt auf mich.
Ich versuchte, den Rückwärtsgang einzulegen.
Ich schaute in den Rückspiegel und begriff in diesem Moment, dass es kein Entkommen gab. Die Wölfe waren auch hinter mir. An den Seiten. In den Bäumen. Sie waren nicht verstreut. Sie waren weit verstreut.
Ich war umzingelt.
Mein Atem ging flach, meine Hände zitterten, und ich umklammerte das Lenkrad so fest, dass mir die Finger schmerzten. Gedanken rasten mir durch den Kopf. Was sollte ich tun? Hupen? Beschleunigen? Anhalten? Jede Option schien falsch.
Dann bewegte sich einer der Wölfe.

Er rannte direkt auf mich zu.
Es war kein panischer Angriff, sondern eine gezielte Bewegung. Er sprang. Ein harter Aufprall erschütterte den Wagen. Der Wolf landete auf der Motorhaube, das Metall klirrte laut. Seine Pfoten glitten über den Lack, seine Krallen hinterließen tiefe Furchen. Er legte seine Schnauze auf die Windschutzscheibe.
Er war so nah, dass ich seinen Atem, seine Zähne, die Details seines Fells sehen konnte.
Er stieß leise Laute aus, die in meiner Brust vibrierten. Das Glas zitterte leicht. Mein Herz hämmerte so heftig, dass ich meine eigenen Schreie kaum noch hörte.
Ich war mir sicher, es war vorbei.
Eine Sekunde. Vielleicht zwei. Es reichte, wenn das Glas zersprang, damit er hineinkam. Ein einziger Gedanke schoss mir durch den Kopf: Ich werde das nicht überleben.
Und genau in diesem Moment geschah etwas Unerwartetes.
Die Tür eines der Autos, ein paar Dutzend Meter entfernt, öffnete sich.
Der Mann stieg aus.
Ich schrie ihn an, er solle drinnen bleiben, aber er hörte mich nicht. Er hielt etwas Dunkles in der Hand. Er hob es über den Kopf und schlug es mit voller Wucht gegen die Motorhaube seines Wagens. Es gab ein lautes, metallisches Geräusch.
Die Wölfe erstarrten.
Der Mann schlug erneut zu. Und noch einmal. Das Geräusch hallte durch den Wald, scharf und fremd. Der Wolf auf meiner Motorhaube hob den Kopf. Die anderen begannen sich unruhig zu bewegen. Es war ein Geräusch, das sie nicht kannten.
Dann ertönte ein Heulen. Kein Angriff, sondern eine Warnung.
Innerhalb von Sekunden zog sich das Rudel zurück. Nicht chaotisch, sondern geordnet. Der Wolf auf meiner Kapuze sprang herunter, sah mich noch einmal an und verschwand dann zwischen den Bäumen. Die anderen folgten. Der Wald verschluckte sie so lautlos, wie sie aus ihm gekommen waren.
Ich saß im Auto, unfähig mich zu bewegen.
Der Mann, der später ausstieg, entpuppte sich als ehemaliger Förster. Er erklärte mir, dass die Wölfe nicht aus Hunger angriffen, sondern ihr Revier verteidigten. Dass der Lärm und der unerwartete Reiz sie mehr verwirrten als die Angst.
Als ich endlich losfuhr, fuhr ich langsam. Ohne Musik. Mit Händen, die noch immer zitterten.
Seitdem empfinde ich die Stille des Winterwaldes nicht mehr als beruhigend. Denn manchmal genügt eine gesperrte Straße, ein Rudel und eine Sekunde, um zu begreifen, wie zerbrechlich der Grat zwischen Frieden und völliger Hilflosigkeit ist.