Ich rettete ein Kind, das aus dem fünften Stock stürzte. Eine Woche später zerrten mich seine Eltern vor Gericht.

Dieser Morgen schien wie Hunderte andere. Der Bürgersteig war vom Regen der Nacht feucht, die Menschen eilten zur Arbeit, die Stadt erwachte langsam zu einem weiteren gewöhnlichen Tag. Ich ging zügig, gedanklich schon im Büro, als plötzlich das schrille Geräusch von zersplitterndem Glas die Luft erfüllte. Instinktiv blickte ich auf.

Im fünften Stock eines alten Wohnhauses war gerade ein Fenster zerbrochen. Die Scherben wirbelten wie ein Sternenregen in die Luft. Und dann schoss etwas aus dem dunklen Rahmen, unnatürlich schnell.

Es war ein Kind.

In diesem Augenblick verlor ich jegliches Zeitgefühl. Es gab keinen Raum für Gedanken, keine rationale Risikoabwägung, kein „Was wäre wenn?“. Mein Körper reagierte, bevor mein Verstand es tun konnte. Ich rannte vor, hob die Arme und fing das Kind auf.

Der Aufprall war heftig. Unser beider Gewicht riss mich zu Boden. Ich spürte einen stechenden Schmerz im Rücken, mein Kopf schlug auf den Asphalt, und für einen Moment verschwamm die Welt zu einem grauen Nebel. Doch dann hörte ich Weinen. Scharf, lebendig, echt.

Das Baby lebte.

Als ich die Augen wieder öffnete, waren Menschen um mich herum. Jemand hielt meine Hand, jemand schrie, ich solle nicht das Bewusstsein verlieren. Der Krankenwagen traf innerhalb weniger Minuten ein. Sie trugen das Baby weg und setzten mich direkt hinterher. Alle wiederholten immer wieder dasselbe: Ich hätte etwas Unglaubliches getan, ein Leben gerettet, ich sei eine Heldin.

Im Krankenhaus diagnostizierten sie bei mir eine Gehirnerschütterung, einen Wirbelbruch und zahlreiche Prellungen. Ich lag auf dem Bett, mir tat jeder Knochen weh, aber ich war ruhig. Ich wusste, es hatte sich gelohnt. Das Baby war außer Lebensgefahr. Das war alles, was zählte.

Ich fragte nicht nach seinen Eltern. Ich suchte nicht nach Einzelheiten. Ich brauchte kein Dankeschön. Ich dachte, damit sei alles erledigt.

Ich irrte mich.

Sieben Tage später erhielt ich ein offizielles Schreiben. Eine Vorladung vor Gericht. Als ich die ersten Zeilen las, dachte ich, es sei ein Irrtum. Die Eltern des Kindes verklagten mich wegen Körperverletzung und „rücksichtslosen Verhaltens“.

Sie behaupteten, ich hätte das Kind unrechtmäßig festgehalten, ihm dadurch Verletzungen zugefügt und es unnötigen Gefahren ausgesetzt. Sie behaupteten, die Folgen wären weniger schwerwiegend gewesen, wenn ich nicht eingegriffen hätte.

Das Treffen mit ihnen war noch schlimmer. Der Vater schrie mich an, ich hätte ihr Leben ruiniert. Die Mutter weinte und weigerte sich, mir in die Augen zu sehen. Die Tür schloss sich, bevor ich etwas sagen konnte.

Der Prozess zog sich endlos hin. Ihr Anwalt wirkte ruhig und überzeugend. Er zeigte mir Fotos, sprach von Fahrlässigkeit und übermäßigem Eingreifen. Sie riefen Zeugen auf, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Jeder einzelne von ihnen behauptete, die Situation sei „nicht so schlimm“ gewesen oder ich hätte anders handeln können.

Mein eigener Anwalt empfahl mir stillschweigend einen Deal. Ein Teilschuldbescheid. Eine Geldstrafe. Die Sache wäre erledigt.

Ich weigerte mich.

Nicht aus Sturheit. Sondern weil ich wusste, was geschehen war. Ich hatte ein Kind fallen sehen. Ich wusste, wäre ich damals stehen geblieben, gäbe es heute keine Verhandlung, sondern nur eine Beerdigung.

Am letzten Verhandlungstag saß ich im Gerichtssaal und fühlte mich, als würde ich verlieren. Die Richterin hatte einen ausdruckslosen Gesichtsausdruck. Die Atmosphäre war kalt und unpersönlich. Es schien, als sei die Entscheidung längst gefallen.

Und genau in diesem Moment öffnete sich die Tür.

Ein Mitarbeiter der Hausinspektion betrat den Gerichtssaal. Er hielt eine Akte in der Hand. Einem neuen Gutachten zufolge war das Fenster der Wohnung schon lange mangelhaft. Keine Sicherheitsvorrichtungen. Keine Geländer. Es gab bereits Beschwerden von Anwohnern.

Die Eltern wussten Bescheid.

Es herrschte bedrückende Stille im Saal. Der Anwalt verstummte. Die Richterin nahm ihre Brille ab.

Das Urteil war kurz. Die Klage wird abgewiesen. Die Fahrlässigkeit der Eltern ist schuld.

Ich verließ das Gerichtsgebäude ohne ein Gefühl des Sieges. Ich wollte nicht Recht haben. Ich wollte nur, dass das Kind lebt.

Und wenn ich noch einmal unter diesem Fenster stehen müsste, im Wissen um alles, was danach geschah?

Dann würde ich wieder die Hände heben.

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