Das Glass House war ein Ort des Luxus, der sich in jedem Detail widerspiegelte – von den Kristalllüstern bis hin zur Kälte, die von den Besitzern ausging. Ich arbeitete seit drei Jahren hier. Ich war unsichtbar. Genau wie Madeline Vance es verlangt hatte. Die Angestellten sollten dienen, nicht existieren.
Dieser Abend war ihr wichtig. Das Restaurant war voll mit wohlhabenden Gästen, Investoren, den Leuten, die entschieden, wer wo hingehörte. Madeline wollte beweisen, dass sie ihren Platz in der Elite verdiente. Jeder Tisch musste glänzen, jede Bewegung kontrolliert, jedes Detail perfekt sein.
Und dann war da der Junge.
Etwa zehn Jahre alt. Er stand hinter einem riesigen Glasfenster, bis auf die Knochen durchnässt, zusammengekauert im Regen. Er bettelte nicht. Er klopfte nicht. Er suchte nur ein bisschen Trockenheit und Wärme.
„Das verdirbt die Aussicht“, zischte Madeline, als spräche sie von verschüttetem Wein.
Bevor ich etwas sagen konnte, riss sie mir den Wasserkrug aus der Hand. Sie öffnete die Tür und schüttete ihn ihm ohne zu zögern über den Kopf. Nicht wie sonst – mit theatralischem Schwung. Das eiskalte Wasser traf ihn im Gesicht. Der Junge fing nicht einmal an zu weinen. Er krümmte sich nur noch mehr zusammen, seine Lippen waren blau und seine Hände zitterten.
Stille senkte sich über das Restaurant. Die Gäste erstarrten. Einige zappelten herum. Aber niemand stand auf. Nach einem Moment berührten Gabeln wieder ihre Teller.
Madeline lächelte. Zufrieden. Wie jemand, der gerade ein kleines Problem gelöst hatte.
Und dann geschah es.
Ein grüner Stuhl wurde an Tisch Nummer vier beiseite geschoben.
Ein großer Mann in einem schlichten, aber offensichtlich teuren Anzug stand auf. Er musste nichts sagen. Seine Anwesenheit veränderte die Atmosphäre im Raum. Ich erkannte ihn sofort. Jeder in der Branche kannte ihn. Daniel Hargreave. Der Besitzer einer Immobilienfirma, die die Hälfte aller Luxusprojekte der Stadt finanzierte. Der Mann, gegen den Madeline monatelang gekämpft hatte.
Langsam ging er zur Tür. Er öffnete sie und zog wortlos seine Jacke aus. Er legte sie dem Jungen um die Schultern und hockte sich neben ihn.
„Alles in Ordnung?“, fragte er leise.

Der Junge schüttelte nur den Kopf.
Daniel stand auf und wandte sich Madeline zu. Seine Stimme war ruhig. Umso beängstigender.
„Der Junge ist mein Neffe. Seine Mutter ist letzten Monat gestorben. Er ist heute von zu Hause weggelaufen, weil er sie für lästig hielt.“
Madeline erbleichte.
„Und Sie“, fuhr er fort, „haben ihn gerade öffentlich gedemütigt.“
Er sah sich im Restaurant um. „Meine Damen und Herren, erlauben Sie mir eine kurze Anmerkung. Das Glass House hat gerade alle seine Investoren verloren.“
Er zog sein Handy heraus. „Die Rechtsabteilung weiß bereits, was zu tun ist.“
Innerhalb von fünf Minuten war das Restaurant leer. Die Gäste verließen es leise und schnell, mit gesenkten Blicken. Madeline stand allein mitten im Raum, umgeben von Luxus, der plötzlich bedeutungslos geworden war.
Daniel ging mit dem Jungen.
Und ich begriff, dass es an diesem Abend nicht um ein Kind im Regen ging.
Es ging darum, wie schnell eine Welt ohne Menschlichkeit zerfallen kann.