Die junge Frau wohnte am Stadtrand, und die Fahrt zu ihr dauerte über zwei Stunden, manchmal sogar drei, wenn er im morgendlichen Berufsverkehr stecken blieb. Trotzdem ging er gern dorthin. Die Wohnung war sein Zufluchtsort. Ein Ort, an dem er nicht Ehemann sein musste, sich nicht mit Rechnungen und Verpflichtungen herumschlagen musste und keine endlosen Gespräche über Probleme führen musste, die er nie hören wollte.
Er hatte über zwanzig Jahre mit seiner Frau zusammengelebt. Er hatte sie früher geliebt, zumindest hatte er das geglaubt. Doch die Zeit war unerbittlich. Sie hatte zugenommen, war älter geworden, des Lebens müde. Sie hörte auf zu lachen und fing an zu klagen. In seinen Augen war sie zur Erinnerung an alles geworden, was er nicht sein wollte. Seine Geliebte war das genaue Gegenteil. Sie lachte, bewunderte ihn, berührte ihn, als wäre er noch immer begehrenswert. Sie sah ihn mit einer Begeisterung an, die zu Hause längst verschwunden war.
In jener Nacht waren sie in der Wohnung eingeschlossen, von der Welt abgeschnitten. Wein, Musik, Körper. Die Zeit verlor ihre Bedeutung. Erst als der Ehemann auf seine Uhr blickte, durchfuhr ihn ein Schauer. Es war fast vier Uhr morgens. Er sprang aus dem Bett, begann sich hastig anzuziehen, seine Hände zitterten leicht.
Seine Geliebte streckte sich träge und folgte ihm. Sie schlug vor, er solle bleiben. Seine Frau schlafe sowieso, er liebe sie nicht mehr, also warum die Eile? Ihre Stimme drang gedämpft an ihn heran, als stünde er unter Wasser. In seinem Kopf schrillten bereits die Alarmglocken. Er schnappte sich die Schlüssel und ging.
Auf dem Heimweg fuhr er schneller, als es sicher war. Er umklammerte das Lenkrad und überlegte sich Ausreden. Arbeit. Ein dringendes Meeting. Eine Autopanne. Im Laufe des letzten Jahres hatte er gelernt, ohne zu zögern zu lügen. Seine Stimme war ruhig, überzeugend. Er konnte einer Frau in die Augen sehen und lügen, ohne Reue zu empfinden. Zumindest glaubte er das.
Als er vor dem Haus parkte, hellte sich der Himmel bereits auf. Der Morgen nahte. Leise betrat er die Wohnung, zog die Schuhe aus und warf seine Jacke über einen Stuhl. Doch dann hielt ihn die Stille inne. Es war keine gewöhnliche Morgenstille. Sie war schwer, erdrückend, als stünde die Luft still.
Er blieb stehen. Er lauschte. Keine Schritte, kein Geräusch aus der Küche, kein Rascheln wie sonst am Morgen. Irgendetwas stimmte nicht.

Die Schlafzimmertür stand einen Spalt offen. Das war seltsam. Seine Frau schloss sie immer, selbst nachts. Langsam ging er darauf zu. Jeder Schritt war schwerer als der vorherige. Er spürte einen Druck in der Brust, den er sich nicht erklären konnte.
Er spähte hinein.
Seine Frau lag im Bett.
Still.
Ihr Haar war auf dem Kissen ausgebreitet, die Arme vor der Brust verschränkt. Auf dem Nachttisch standen eine offene Medikamentenpackung und ein Glas Wasser. Ihr Gesicht war ruhig, unnatürlich ruhig. Als schliefe sie. Doch in diesem Moment begriff er, dass sie nicht schlief.
Seine Welt brach zusammen.
Er trat näher, rief ihren Namen. Keine Antwort. Er berührte ihre Hand. Sie war kalt. Sein Kopf dröhnte, seine Knie gaben nach, und er musste sich auf die Bettkante setzen. Sein Herz raste, sein Atem ging unregelmäßig. Alle Ausreden, die er sich auf dem Heimweg zurechtgelegt hatte, waren plötzlich wertlos.
Da bemerkte er den Umschlag auf dem Kissen.
Er war an ihn adressiert.
Mit zitternden Händen öffnete er ihn. Er erkannte die Handschrift sofort. Sie war ruhig geschrieben, ohne Vorwürfe, ohne Anklage. Darin stand, dass sie nicht mehr die Kraft hatte, für jemanden zu kämpfen, der längst beschlossen hatte zu gehen. Dass sie von ihrem Geliebten wusste. Dass sie seine Lügen gehört und geschwiegen hatte, weil sie gehofft hatte, er würde eines Tages zurückkommen. Aber diese Nacht war die letzte.
Sie schrieb, dass sie ihm keine Vorwürfe machte. Sie konnte einfach nicht mehr.
Der Brief fiel ihm aus der Hand. Er saß da, umgeben von Stille, und weinte zum ersten Mal seit Jahren. Nicht um sie. Nicht um ihre Ehe. Sondern um sich selbst. In diesem Moment begriff er, dass manche Chancen zu spät kommen.
Und dass keine jüngere Frau, keine Bewunderung, keine Flucht jemals das ungeschehen machen könnte, was er zerstört hatte, als er noch glaubte, Zeit zu haben.