Lucas’ Magen verkrampfte sich so heftig, dass ihm der Raum winzig vorkam. Er stand mitten im Gerichtssaal, noch immer außer Atem vom Laufen, Schweißperlen auf der Stirn, und starrte die Frau hinter dem Richtertisch an. Dieselbe feste Gestalt, dieselben konzentrierten Augen, dieselbe Ruhe, die ihn vor einer Stunde am Straßenrand beruhigt hatte.

Doch jetzt war sie nicht mehr die Frau mit dem platten Reifen.

Jetzt war sie die Autoritätsperson, die über das Schicksal entschied.

„Das Gericht verhandelt nun den Fall Perrin gegen Novacore Industries“, sagte sie mit klarer, fester, professioneller Stimme.

Keine Spur von Wiedererkennung.

Nicht einmal ein zweiter Blick.

Lucas war sich nicht sicher, ob es Erleichterung oder ein weiterer Schlag war.

Er ließ sich auf der Anklagebank nieder. Er stellte seine Aktentasche zu seinen Füßen und umklammerte seine Knie mit den Fingerspitzen, um sich zu stabilisieren. Ihm gegenüber saß Maître Salvetti, der Anwalt von Novacore, ein Mann mit dem Ruf eines Raubtiers. Sein Anzug kostete mehr als Lucas’ Monatsmiete. Sein Lächeln war ruhig, fast amüsiert.

Neben ihm saß Chloé Aguilar. Eine ehemalige Kollegin. Die Frau, die einst einen internen Bericht unterschrieben, sich dann aber unter Druck zurückgezogen hatte. Ihr Blick wich Lucas’ Blick aus.

„Mr. Perrine“, sagte der Richter. „Sie vertreten sich selbst, richtig?“

„Ja, Euer Ehren“, antwortete er. Seine Stimme zitterte leicht, doch er stand aufrecht.

„Haben Sie Beweismittel, die Sie dem Gericht vorlegen möchten?“

Lucas schluckte.

Ja. Hatte er.

So dachte er zumindest.

Er öffnete den Aktenkoffer.

Er war leer.

Ihm stockte kurz der Atem. Dann begann er, die Fächer, die Taschen, die Unterlagen zu durchwühlen. Die Papiere waren da. Notizen. Protokolle. Aber nicht das Wichtigste.

Der USB-Stick.

Der einzige Beweis. Das Video, das eindeutig zeigte, wie das Management von Novacore Sicherheitsberichte fälschte, um die Markteinführung des Produkts zu beschleunigen. Das Video, das ihn seinen Job gekostet hatte. Das ihm Drohungen eingebracht hatte. Das ihn heute hierher gebracht hatte.

„Herr Perrine?“, wiederholte die Richterin. „Haben Sie die Beweise, die Sie in Ihrer Klage erwähnt haben?“

Lucas blickte auf. Stille herrschte im Saal. Salvetti lächelte leicht und verschränkte die Arme.

„Es scheint, als würde der Kläger die Zeit des Gerichts erneut verschwenden“, sagte er ruhig. „Ohne Beweise ist diese Klage nichts weiter als die persönliche Frustration eines ehemaligen Mitarbeiters.“

Lucas spürte den Schweiß auf seinem Rücken. Seine Gedanken rasten. Fahrrad. Straße. Koffer. Reifen.

Auto.

Frau.

Richterin.

Die Idee war absurd. Unwahrscheinlich. Und doch die einzig mögliche.

„Herr Perrine“, sagte die Richterin mit neutraler Stimme. „Wenn Sie nichts vorzulegen haben, sehen wir uns gezwungen –“

In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Gerichtssaal.

„Ich bitte die Unterbrechung zu entschuldigen“, ertönte die Stimme des Gerichtsvollziehers. „Frau Richterin, Ihnen wurde ein Gegenstand zugestellt, der in einem Dienstfahrzeug gefunden wurde.“

Er hielt eine kleine Plastiktüte in den Händen.

Lucas’ Knie gaben nach.

Ein USB-Stick.

Im Raum herrschte betretenes Schweigen. Salvettis Lächeln verschwand zum ersten Mal.

Die Richterin betrachtete die Tüte. Dann sah sie Lucas an. Diesmal lag etwas in ihrem Blick. Keine Überraschung. Eher Bestätigung.

„Mr. Perrine“, sagte sie langsam. „Wollen Sie damit sagen, dass dieser Datenträger wichtige Beweismittel enthält?“

„Ja“, antwortete er. „Ohne ihn habe ich nichts.“

Die Richterin beriet sich kurz mit dem Techniker. Die Leinwand des Projektors leuchtete auf.

Das Video begann.

Die Stimme des CEO von Novacore erfüllte den Raum. Klar und deutlich.

„Wir werden die Sicherheitstests überarbeiten. Das Risiko ist minimal, und die Verzögerung würde uns Millionen kosten.“

Es folgten Unterschriften. E-Mails. Interne Kommunikation.

Chloe hielt sich den Mund zu. Salvetti wurde blass.

Schwerendes Schweigen legte sich über den Gerichtssaal.

Als das Video endete, nahm die Richterin ihre Brille ab. Einen Moment lang schwieg sie. Dann holte sie tief Luft.

„Das Gericht nimmt die Beweise zur Kenntnis“, sagte sie. „Und stellt fest, dass ein begründeter Verdacht auf vorsätzlichen Gesetzesverstoß durch Novacore Industries besteht.“

Salvetti stand auf. „Euer Ehren, ich erhebe Einspruch –“

„Der Einspruch wird zurückgewiesen“, unterbrach sie ihn. „Und ich rate Ihnen, Ihre Worte sehr sorgfältig zu wählen.“

Sie wandte sich an Lucas.

„Mr. Perrine … Sie haben mir heute Morgen geholfen, ohne zu wissen, wer ich bin. Sie haben nicht gefragt, Sie haben nicht geurteilt. Sie haben einfach gehandelt.“

Der Saal hielt den Atem an.

„Ein Gericht soll ein Ort der Gerechtigkeit sein“, fuhr sie fort. „Nicht der Macht. Und heute ist der Gerechtigkeit Genüge getan worden.“

Der Hammer fiel.

Eine Stunde später kam Lucas aus dem Gebäude. Die Sonne stand hoch am Himmel. Sie wartete auf den Stufen auf ihn.

Nicht in einem Abendkleid. In einem einfachen Mantel.

„Lucas“, sagte sie. „Ich schulde dir mehr als nur ein Dankeschön.“

Er lächelte, zum ersten Mal seit Monaten aufrichtig.

„Es genügte mir, die Wahrheit zu hören.“

Sie nickte.

„Manchmal braucht es nur eine kleine Geste, um die Zukunft zu bestimmen. Heute hast du dazu beigetragen, sie zu verändern … für mich und für dich selbst.“

Lucas betrachtete sein altes Fahrrad, das am Geländer lehnte.

Zum ersten Mal fühlte er sich nicht mehr unbedeutend.

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