Viktor war oft unterwegs. Geschäftsreisen, Meetings, Projekte, über die er nie sprach. Er war tagelang weg, manchmal wochenlang. Immer im selben silbernen SUV, immer emotionslos, ohne sich zu verabschieden. Als sich die Aufzugtüren hinter ihm schlossen, wurde es in der Wohnung so still, dass ich meinen eigenen Atem hören konnte.
Es war ein heißer Tag. Eine drückende, schwere Hitze, die wie eine feuchte Decke in den Räumen hing. Die Klimaanlage war zum fünften Mal in einer Woche angesprungen. Zuerst ein leises Klicken, dann ein metallisches Knarren, dann ein Knall und Stille. Die Kinder lagen auf dem Wohnzimmerboden, ihre Gesichter rot, die Augen geschlossen, völlig erschöpft.
Ich rief Viktor an. Er nahm ein zweites Mal ab. Ich hörte Stimmen im Hintergrund. Das Lachen einer Frau. Und ein Kind.
„Die Klimaanlage ist schon wieder kaputt“, sagte ich vorsichtig. „Es ist so heiß. Vielleicht sollte ich einen Reparaturdienst rufen.“
„Versuch’s gar nicht erst“, schnauzte er mich an. „Hier kommt keiner. Ich hab’s dir schon hundertmal gesagt.“
Und die Verbindung wurde unterbrochen. So plötzlich, dass es fast absichtlich wirkte.
Ich stand am Fenster und blickte auf die leere Straße hinunter. Mein Kopf dröhnte. Zum ersten Mal seit Langem beschloss ich, nicht mehr hinzuhören. Ich öffnete die App und bestellte den Kundendienst.
Eine Stunde später kam ein Mann in den Fünfzigern, in schlichter Arbeitskleidung, mit einem Werkzeugkasten. Ruhige Stimme, routinierte Bewegungen. Er untersuchte das Gerät, stellte die Leiter auf und nahm die Abdeckung ab.
Und dann erstarrte er.
Er sagte nichts. Er richtete sich nur langsam auf und sah mich anders an, als man mich bei einer normalen Störung ansieht. Es war kein Interesse, keine Neugier. Es war Angst.
„Gnädige Frau“, fragte er nach einem Moment, „wer hat das zuletzt geöffnet?“
„Mein Mann. Er repariert das ständig. Warum?“ Er antwortete nicht sofort. Stattdessen öffnete er den Kofferraum, holte seine Atemschutzmaske heraus und setzte sie auf. Erst dann sprach er wieder.
„Wo sind die Kinder?“
„In der Küche. Was ist los?“

Er stieg von der Leiter und blieb mit leicht zitternder Stimme an der Tür stehen.
„Nehmen Sie die Kinder. Sofort. Nehmen Sie nichts mit. Verlassen Sie die Wohnung. Sofort.“
Ich wusste nicht, ob ich schreien oder fragen sollte. Ich gehorchte. Ich packte die Kinder ein, rannte in den Flur und die Treppe hinunter. Erst draußen merkte ich, dass meine Hände zitterten.
Die Sanitäter trafen innerhalb weniger Minuten ein. Die Polizei kurz darauf. Das ganze Haus wurde evakuiert. Erst am Abend erklärte mir einer der Techniker, was sie gefunden hatten.
Die Klimaanlage war nicht kaputt. Sie war manipuliert worden. Im Inneren befanden sich illegale Chemikalienfilter, die beim Erhitzen giftige Substanzen freisetzten. Nicht genug, um sofort zu töten. Genug, um Lunge, Nervensystem und Immunsystem langsam zu schädigen. Langfristige Exposition. Präzise berechnet.
Viktor verschwand. Sein Telefon ist nicht erreichbar. Die angebliche Geschäftsreise hat nie stattgefunden. Und der silberne SUV wurde drei Tage später auf einem Lagerhausparkplatz am Stadtrand gefunden.
Heute leben wir woanders. Die Kinder erholen sich. Und eines weiß ich schon ganz sicher: Das Gefährlichste sind nicht kaputte Geräte. Es sind Menschen, die einem verbieten, Fragen zu stellen.