Als Leah die Augen öffnete, drehte sich alles um sie. Ihr Körper fühlte sich schwer an, ihre Zunge war trocken, und jede Zelle ihres Körpers schrie vor Schmerz. Sie konnte sich nicht bewegen. Alles, was sie tun konnte, war atmen und lauschen.
Stimmen drangen aus dem Flur. Gedämpft, professionell, kalt.
„Sie ist in kritischem Zustand“, sagte eine Männerstimme. Leah erkannte ihn. Der Chefarzt. „Das Leberversagen schreitet rapide voran. Höchstens drei Tage.“
Drei Tage. Die Worte bohrten sich in ihr Gedächtnis wie ein rostiger Nagel.
Dann eine weitere Stimme. Sie hätte sie überall erkannt. Oliver. Ihr Mann.
Leah öffnete die Augen nicht ganz. Sie ließ sie nur einen Spalt breit offen, gerade so weit, dass sie die Umrisse des Zimmers erkennen konnte. Die Tür öffnete sich. Oliver kam herein, mit einem Blumenstrauß, den er vermutlich am Kiosk im Krankenhaus gekauft hatte. Es war genau die Geste, die alle von ihm erwartet hatten.
Er setzte sich auf die Bettkante, nahm Leahs Hand und streichelte sanft ihr Handgelenk. Es wirkte zärtlich. Überzeugend. Das Bild eines perfekten Ehemanns.
Er beugte sich näher zu ihr. Er war sich sicher, dass seine Frau unter Drogen stand und kein Wort hören konnte.
„Endlich“, flüsterte er. „Darauf habe ich so lange gewartet.“
Leah spürte, wie ihr Puls schneller schlug.
„Dein Haus. Deine Rechnungen. Dein Geschäft“, fuhr er ruhig fort. „Es gehört endlich alles mir.“
Er lächelte. Nicht triumphierend. Eher zufrieden. Wie jemand, dessen lang gehegter Traum gerade in Erfüllung gegangen war.
In diesem Moment begriff Leah die Wahrheit, die sie jahrelang verdrängt hatte. Oliver hatte sie nie geliebt. Er liebte nur, was ihr gehörte.
Er stand auf, strich seinen Anzug glatt und setzte einen Ausdruck tiefen Mitleids auf. Dann sagte er laut im Flur, damit seine Schwester es hören konnte:
„Bitte, pass auf sie auf. Sie ist mein Ein und Alles.“
Leah war übel.
Als die Tür ins Schloss fiel, öffnete sie die Augen ganz. Ihr Herz raste, doch ihr Kopf war unerwartet klar. Wenn sie noch drei Tage hatte, würde sie diese nicht als Opfer verbringen.
Aus dem Flur drang das Plätschern von Wasser. Putzgeräusche. Leise Schritte. Leah raffte ihre letzten Kräfte zusammen.
„Schwester … komm her“, krächzte sie.
Die Tür öffnete sich einen Spalt. Eine junge Frau spähte ins Zimmer. Dünn, müde, mit Augen, die zu viel Leid gesehen hatten. Auf dem Namensschild stand Maria.

„Fühlst du dich nicht wohl?“, fragte sie und griff instinktiv nach dem Türknopf.
„Ruf niemanden an“, flüsterte Leah. „Ich muss mit dir reden.“
Maria zögerte, rückte aber näher. Leah nahm ihre Hand. Ihr Griff war schwach, aber entschlossen.
„Hör gut zu“, sagte Leah leise. „Wenn du alles tust, was ich sage, wirst du nie wieder als Krankenschwester arbeiten.“
Maria erbleichte.
„Denn du wirst dein eigenes Leben haben“, fügte Leah hinzu. „Und ich werde Gerechtigkeit erfahren.“
In den nächsten zwei Tagen spielte sich im Krankenhaus ein stilles Manöver ab. Kein Geschrei, kein Misstrauen. Leah diktierte Maria eine Liste mit Kontakten. Ein Anwalt. Ein Notar. Ein Finanzberater. Alles war lange vor ihrer Erkrankung vorbereitet worden. Sie hatte nur nie das Bedürfnis verspürt, es zu benutzen.
Das Testament wurde geändert. Das Unternehmen wurde in eine Stiftung überführt. Die Konten wurden eingefroren. Olivers Name war aus allen Dokumenten verschwunden.
Am dritten Morgen betrat Oliver das Zimmer mit einem Ausdruck stiller, triumphierender Gewissheit.
„Wie geht es dir?“, fragte er sanft.
Leah sah ihn an. Zum ersten Mal seit Jahren tat sie es wirklich.
„Schon gut“, antwortete sie. „Denn ich weiß, du wirst mir nichts wegnehmen.“
Er verstand es nicht.
Stunden später übergab ihm der Anwalt die Dokumente. Oliver saß auf dem Krankenhausflur, als ihm klar wurde, dass er gar nichts bekommen würde. Nicht das Haus. Nicht das Geld. Nicht die Firma.
Leah starb in dieser Nacht.
Auf ihrer Beerdigung weinte Oliver am lautesten.
Aber niemand außer Marie wusste, dass drei Tage genug gewesen waren. Nicht für eine schreiende Rache, sondern für die reinste. Die Rache, die demjenigen alles nimmt, der dachte, er hätte bereits gewonnen.