Es war noch genau eine Woche bis zur Hochzeit. Das Landhaus war erfüllt von Lachen, dem Duft von Gegrilltem und dem Gefühl, dass endlich alles seinen Platz fand. Der zukünftige Schwiegersohn war aufmerksam, hilfsbereit und fragte ständig nach, ob etwas fehlte. Er nannte alle so selbstverständlich „Mama“ und „Papa“, dass es rührend war.

Und doch spürte der Schwiegervater ein Unbehagen in der Brust, das er nicht benennen konnte.

Als der Abend fortschritt und die Flaschen sich leerten, beugte er sich zu seiner Frau und flüsterte ihr einen Gedanken zu, den er schon seit Monaten verdrängt hatte. Die Schwiegermutter protestierte sofort. Sie war überzeugt, es sei beschämend, ein unnötiger Vertrauensbruch. Doch der Schwiegervater blieb hartnäckig. Er beharrte darauf, es sei nur eine Sicherheitsvorkehrung. Eine Art Seelenfrieden.

Eine halbe Stunde später stand er neben dem Wagen des Bräutigams und betrachtete interessiert das Armaturenbrett. Er sprach über Technik, über moderne Geräte, und doch bewegten sich seine Finger schnell und sicher. Die kleine Kamera verschwand perfekt versteckt zwischen den Lüftungsschlitzen. Niemand schöpfte Verdacht.

Am nächsten Tag wachte er mit Kopfschmerzen und einem Gefühl der Scham auf. Er konnte sich nicht an die Kamera erinnern. Erst am Nachmittag, als seine Frau ihn mit einem Anflug von Ironie fragte, ob er denn „nach seinem Schwiegersohn gesehen“ habe, fiel es ihm wieder ein.

Der Laptop klappte auf. Die Kamera verband sich. Datum und Uhrzeit erschienen auf dem Bildschirm.

Die ersten Aufnahmen waren langweilig. Die Fahrt zur Arbeit, das Radio, Telefonate. Der Schwiegervater redete sich ein, dass seine Frau recht hatte und er etwas Dummes angestellt hatte. Er wollte die Kamera gerade ausschalten.

Da erschien ein Ordner mit der Aufschrift „Später Abend“.

Der Bräutigam saß in einem Auto, das am Waldrand geparkt war. Der Motor war aus. Das Licht war aus. Stille herrschte im Auto, nur sein Atem unterbrach ihn. Er blickte nicht nach vorn. Er schaute direkt in die Kamera.

Er lächelte.

„Da bist du ja wieder“, sagte er ruhig. „Du beobachtest uns immer.“

Dem Schwiegervater verkrampfte sich der Magen. Die Schwiegermutter hielt den Atem an.

Der Bräutigam beugte sich näher ans Armaturenbrett. Seine Stimme war leise, aber deutlich.

„Sie ist perfekt“, fuhr er fort. „Genau wie die vor ihr. Derselbe Blick, dasselbe Lachen. Nur ein bisschen klüger. Es braucht noch etwas Zeit.“

Er zog ein gefaltetes Stück Papier aus der Tasche. Er breitete es kurz vor der Kamera aus. Es war ein Foto. Eine junge Frau. Sie lächelte. Unter dem Foto standen ein handschriftlicher Name und ein Datum.

Das Datum lag einige Jahre zurück.

„Man sagt, sie sei verschwunden“, sagte der Bräutigam und lachte leise. „Aber das ist sie nicht. Sie wurde einfach nicht mehr gebraucht.“

Die Schwiegermutter schrie auf und hielt sich den Mund zu. Der Schwiegervater spürte ein Kribbeln in den Händen.

Das Video lief weiter.

Der Bräutigam zog ein kleines Notizbuch aus seiner Aktentasche. Die Seiten waren klein und sorgfältig beschrieben. Namen. Daten. Notizen. Einige Namen waren mit roten Häkchen versehen.

Dann folgte ein Satz, der dem Schwiegervater sichtlich den Atem verschlug:

„Schön, dass ihr Vater so vorsichtig ist. Ich bewundere immer Menschen, die die Kontrolle behalten wollen. Sie merken nur nicht, dass sie sich selbst in diese Lage bringen.“

Der Bräutigam richtete sich auf, blickte direkt in die Kamera und fügte hinzu:

„Bis bald.“

Die Aufnahme endete.

Eine beklemmende Stille senkte sich über den Raum. Die Schwiegermutter zitterte. Der Schwiegervater schloss das Notizbuch, als könnte er damit das Gesehene auslöschen.

Noch in derselben Nacht riefen sie die Polizei. Sie übergaben die Unterlagen, das Notizbuch, alles. Die Ermittlungen begannen sofort. Es stellte sich heraus, dass das Foto zu einem Mädchen gehörte, das drei Jahre zuvor in derselben Gegend verschwunden war. Der Bräutigam hatte sie zuletzt gesehen.

Die Hochzeit wurde ohne Angabe von Gründen abgesagt. Die Tochter brach zusammen, doch ihre Eltern erzählten ihr die Wahrheit erst später, nach und nach, behutsam.

Der Bräutigam verschwand.

Das Auto wurde verlassen auf einem Parkplatz an der Autobahn gefunden. Die Kamera war herausgerissen und zerdrückt. Das Notizbuch blieb verschollen.

Einige Monate später erhielt der Schwiegervater einen anonymen Brief. Keine Unterschrift. Nur ein Satz, in derselben kleinen Handschrift geschrieben:

„Danke fürs Zuschauen. Ohne dich wäre es nicht so spannend gewesen.“

Seitdem hat der Schwiegervater kein Auge zugetan. Denn er weiß, dass da draußen jemand ist, der genau weiß, wie leicht es ist, sie zu beobachten. Und wie gefährlich es ist, sich Gewissheit zu verschaffen.

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