Nach dem Sturz seiner Großmutter zog der Enkel ohne zu zögern ein. Es war keine Belastung, keine Pflicht, sondern selbstverständlich.

Er kannte das Haus besser als seine eigene Wohnung. Er war in diesen Räumen aufgewachsen, hatte laufen gelernt, Märchen gelauscht und war geborgen eingeschlafen. Nun war das Haus ruhiger, älter und voller Schatten, aber es war immer noch ein Ort, den er als sein Zuhause betrachtete.

Tagsüber verlief alles wie gewohnt. Oma bewegte sich langsam, aber stetig. Sie kochte, erzählte Geschichten aus ihrer Jugend, saß manchmal am Fenster und beobachtete still den Garten. Sie lachte, scherzte und beteuerte stets, sich wohlzufühlen. Nichts deutete darauf hin, dass sie nachts etwas Besonderes tat.

Doch jede Nacht um Punkt 3 Uhr morgens erwachte das Haus.

Nicht zufällig. Nicht unregelmäßig. Immer genau um drei.

Zuerst war es nur das kaum hörbare Tropfen von Wasser in der Küche. Dann ein leises, langgezogenes Knarren der Schränke, als würde jemand vorsichtig Türen öffnen, um niemanden zu wecken. Dann das Klirren von Geschirr – kein Fallenlassen, kein Chaos, sondern ein sorgfältiges Umräumen, als wüsste jemand genau, wo alles hingehört.

Einmal erhaschte er einen Blick auf einen Blitz im Flur. Ein kalter, metallischer Lichtreflex, der dort nichts zu suchen hatte. Er dauerte kaum einen Augenblick, aber es reichte, um sein Herz einen Schlag aussetzen zu lassen.

Morgens war Oma immer dieselbe. Ausgeruht. Lächelnd. Haferbrei auf dem Herd, das Radio spielte leise alte Lieder. Sie behauptete, die ganze Nacht geschlafen und nichts gehört zu haben. Der Enkel redete sich ein, er sei müde, vom Stress überwältigt, vielleicht verband er die Geräusche mit alten Erinnerungen.

Aber in der nächsten Nacht geschah es wieder. Und noch einmal. Und noch einmal.

Um drei Uhr. Immer dasselbe.

Nach einer Woche ohne Schlaf war er völlig erschöpft. Jedes Geräusch ängstigte ihn, jeder Schatten wirkte länger und fremder als sonst. Da beschloss er, eine versteckte Kamera zu installieren. Klein, unauffällig, mit Nachtsicht. Er platzierte sie hoch über dem Küchenschrank, von wo aus er Spüle, Tisch und Flurtür im Blick hatte.

Am Morgen setzte er sich an seinen Laptop und begann zu filmen.

Die ersten Stunden verliefen ruhig. Die Küche war leer, nur ab und zu wackelte das Bild leicht, wenn der Kühlschrankkompressor ansprang. Die Zeit verstrich. Zwei Stunden. 2:58 Uhr.

Um 2:59 Uhr veränderte sich das Bild leicht. Die Kamera schaltete automatisch in den Nachtmodus.

Um 3:00 Uhr öffnete sich die Tür.

Nicht plötzlich. Langsam. Zu langsam, als dass es Zufall oder ein Luftzug gewesen sein konnte.

Oma betrat die Küche.

Sie war barfuß. Ihr Haar war offen, ihr Gesicht ausdruckslos, ihr Blick glasig. Ihre Bewegungen waren ruhig, mechanisch, als wüsste sie genau, was zu tun war. Sie ging zur Spüle, drehte das Wasser auf – genau das Geräusch, das ihr Enkel jeden Abend hörte. Dann öffnete sie die Schränke und begann, das Geschirr neu zu ordnen. Teller, Besteck, Tassen. Alles mit einer fast unnatürlichen Akribie.

Dann hielt sie inne.

Langsam hob sie den Kopf.

Und blickte direkt in die Kamera.

Ihr Enkel spürte ein flaues Gefühl im Magen. Ihre Augen waren nicht schläfrig. Sie waren nicht verwirrt. Sie waren weit geöffnet und konzentriert. Als wüsste sie, dass sie beobachtet wurde.

Das Bild ging weiter.

Die Großmutter griff in eine Schublade und holte ein großes Küchenmesser heraus. Sie hielt es in der Hand und neigte den Kopf, als lauschte sie etwas, das die Kamera nicht eingefangen hatte. Dann legte sie das Messer mittig auf den Tisch.

Und sie begann zu flüstern.

Das Geräusch der Kamera war leise, aber deutlich genug, dass der Enkel einzelne Wörter verstehen konnte. Es war nicht Tschechisch. Es war keine Sprache, die er kannte. Es war rhythmisch, eintönig, monoton.

Um 3:17 Uhr nahm die Großmutter das Messer.

Sie kam nicht näher. Sie näherte sich nichts Bestimmtem. Sie hielt es einfach hoch, auf die Schlafzimmertür gerichtet, hinter der der Enkel schlief.

Dann legte sie das Messer so ruhig wieder hin, wie sie gekommen war, drehte sich um und ging. Die Tür schloss sich.

Um 3:21 Uhr war die Küche wieder leer.

Der Enkel saß regungslos da. Seine Hände zitterten. Sofort rannte er seiner Großmutter nach. Sie lag friedlich im Bett, ihr Atem ging regelmäßig, ihr Gesicht war ruhig. Sie war nicht zu wecken. Sie sah aus, als schliefe sie tief und fest.

An diesem Tag rief er einen Arzt an. Er beschrieb die Albträume und erwähnte Schlafwandeln. Der Arzt nickte, verschrieb Tabletten und sagte, das sei bei älteren Menschen häufig.

Doch in der nächsten Nacht kam Oma nicht in die Küche zurück.

Um drei Uhr öffnete sich die Tür.

Diesmal betrat jemand anderes die Küche.

Die Gestalt war größer. Zu groß. Sie bewegte sich ruckartig, als sei sie sich ihres eigenen Körpers unsicher. Sie blieb genau dort stehen, wo Oma am Abend zuvor gestanden hatte. Die Kamera erfasste nur einen Umriss, aber eines war klar: Das war kein Mensch.

Die Gestalt beugte sich zum Messer hinunter.

Und dann schaltete sich das Bild plötzlich ab.

Am Morgen fand der Enkel die Kamera kaputt vor. Oma saß am Tisch, trank Tee und lächelte.

„Na“, sagte sie ruhig, „hast du letzte Nacht geschlafen?“

Ihre Hände waren kalt. Und am Boden der Tasse lag ein dünner Metalllöffel, verbogen, als hätte ihn jemand zu fest gedrückt.

Der Enkel verließ an diesem Tag das Haus. Er kehrte nie zurück.

Das Haus ist heute leer. Aber die Nachbarn erzählen, dass um Punkt drei Uhr morgens das Licht in der Küche angeht. Und jemand räumt sorgfältig das Geschirr ein.

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