Die Musik war längst verklungen, die letzten Streicherklänge im gewölbten Saal verklungen, und die Gäste hatten sich in das luxuriöse Wohnzimmer des Herrenhauses begeben, wo die Gläser noch immer klangen und die Luft von Wein, Parfüm und der Müdigkeit eines langen Tages erfüllt war. Sie lachten, ließen die Zeremonie Revue passieren, erinnerten sich an kleine Peinlichkeiten und waren sich einig, dass sie schon lange keine so gelungene Hochzeit mehr erlebt hatten.
Unterdessen waren die Frischvermählten die breite Treppe in den ersten Stock hinaufgestiegen. Das Schlafzimmer war bis ins kleinste Detail hergerichtet – weiße Laken, Rosenblätter, sanftes Kerzenlicht. Alles wirkte wie eine Szene aus einem Film, in der nichts schiefgehen konnte.
„Möge es viele gesunde Enkelkinder geben!“, rief einer der Gäste und erhob sein Glas auf den Vater des Bräutigams. Gelächter erfüllte den Raum, jemand stieß erneut an, und es schien, als würde die Nacht in unbeschwerter Stimmung bis zum Morgen weitergehen.
Dann geschah es.
Aus dem Obergeschoss drang ein Schrei. Kein Überraschungsschrei, kein Lachen. Es war ein roher, verzweifelter Schrei, der die Luft wie ein Messer durchschnitt. Die Gespräche verstummten augenblicklich. Gläser hingen in ihren Händen. Jemand flüsterte, es müsse ein Scherz gewesen sein, doch niemand lachte.
Der zweite Schrei war noch schlimmer.
Die Gäste stürmten zur Treppe. Schritte hallten durch das Haus, jemand stolperte, jemand rief den Namen des Bräutigams. Die Schlafzimmertür stand einen Spalt offen. Als jemand sie aufstieß, verstummte das Lachen endgültig.
Der Bräutigam stand mitten im Zimmer, sein Hemd aufgeknöpft. Er war kreidebleich, seine Hände zitterten, und in seinen Augen spiegelte sich blankes Entsetzen. Er blickte die Gäste nicht an. Er starrte auf das Bett.
Und die Braut lag steif auf der weißen Decke, die Augen weit geöffnet, den Blick zur Decke gerichtet. Ihr Gesicht war verzerrt – nicht von Angst oder Schmerz, sondern von Schock. Ein dunkler Fleck zierte ihren Hals, als hätte sie jemand mit eiskalten Fingern berührt.
„Fasst sie nicht an!“, schrie der Bräutigam. „Bitte … niemand darf sie berühren.“

Panik brach im Raum aus. Jemand rief einen Krankenwagen, jemand anderes die Polizei. Die Mutter der Braut brach zusammen und schrie auf. Der Vater des Bräutigams stand regungslos an der Tür und konnte nicht begreifen, was er sah.
Die Braut war bei Bewusstsein. Sie atmete. Aber sie sprach nicht.
Die Sanitäter trafen innerhalb weniger Minuten ein. Sie trugen sie auf einer Trage, angeschlossen an Sauerstoff, weg. Der Arzt erklärte nur kurz, dass sie einen akuten Kollaps erlitten habe und sofort ins Krankenhaus gebracht werden müsse. Niemand erklärte den Grund.
Die Hochzeitsnacht endete in einer Stille, die das Haus noch nie zuvor erlebt hatte.
Im Krankenhaus stellte sich heraus, dass die Braut keinen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten hatte. Keine allergische Reaktion, keine Medikamente. Alle Werte waren erstaunlicherweise normal. Nur eines stimmte nicht.
Ihr Körper reagierte, als hätte er einen extremen Schock erlitten.
Als sie ein paar Stunden später erwachte, ergriff sie als Erstes die Hand ihres Bräutigams und flüsterte: „Er war hier.“
„Wer?“, fragte er erschüttert.
„Der Mann … der Spiegel …“ Ihre Stimme versagte.
Zuerst dachten alle, sie sei verwirrt. Dass es die Folgen von Stress, Müdigkeit und Erschöpfung seien. Doch die Braut beharrte darauf. Sie erzählte, dass sie, als sie das Schlafzimmer betraten und die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, zum Spiegel ging, um ihre Ohrringe abzunehmen. Und in ihrem Spiegelbild sah sie jemanden hinter sich stehen.
Es war nicht der Bräutigam.
Es war ein Mann, den sie kannte. Ein Mann, der eigentlich tot sein sollte.
Ihr Ex-Verlobter war vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Offiziell. Die Beerdigung hatte stattgefunden, der Sarg war geschlossen. Niemand hatte ihn je wieder gesehen.
Und doch stand er in ihrem Spiegelbild. Er lächelte. Und als sie sich umdrehte, war er verschwunden.
In diesem Moment spürte sie, wie jemand ihren Hals zudrückte. Nicht mit Händen, sondern mit einem Gefühl. Als wäre die Luft zu einer festen Masse geworden. Sie fiel aufs Bett und erinnerte sich an nichts mehr.
Der Bräutigam hörte es und spürte einen Schauer über den Rücken laufen. Er glaubte nicht an Übernatürliches. Aber eines wusste er.
Als er wenige Sekunden später das Schlafzimmer betrat, sah er einen kalten Handabdruck neben dem Spiegel. Der der Braut. Der eines Fremden.
Die Polizei schloss den Fall als medizinischen Notfall ab. Die Familie versuchte, die Nacht zu vergessen. Die Hochzeit wurde nie wiederholt. Die Frischvermählten zogen aus. Das Haus wurde verkauft.
Und der neue Besitzer berichtete einige Monate später, dass nachts ein Mann, der nicht dorthin gehörte, im Spiegel des Schlafzimmers im ersten Stock erschienen sei.
Er steht immer hinter denen, die hinschauen.