Die Antwort der Kellnerin, die das ganze Lokal schockierte.
Anna holte tief Luft. Die Angst, die sie jahrelang unterschwellig gequält hatte, verwandelte sich in Sekundenschnelle in einen festen, unerwarteten Entschluss. Sie wollte nicht länger das Mädchen sein, das angeschrien wurde. Das Mädchen, das die Augen verdrehte und sich für Fehler tadeln ließ, die sie nicht begangen hatte. Dieser Moment hatte etwas in ihr zerstört.
Der Restaurantbesitzer stand über ihr, seine Brust hob und senkte sich, sein Hemd war noch nass von dem Kaffee, den er sich übergeschüttet hatte.
„Na und? Sagst du nichts?!“, rief er erneut, als fürchte er, ohne ihr Schweigen würde seine Macht verpuffen.
Doch diesmal hob Anna den Kopf.
Und mit einer Stimme, die ruhiger war, als sie und alle Gäste erwartet hatten, sagte sie:
„Doch, werde ich. Aber es könnte Ihnen nicht gefallen.“
Die Spannung im Restaurant stieg. Selbst die Kinder am Eckplatz verstummten. Der Musiker ordnete nervös seine Noten neu. Alle warteten gespannt, was passieren würde.
Der Besitzer blickte sie spöttisch an:
„Gibt es etwas, das Ihnen nicht passt? Wollen Sie mich etwa schon wieder belehren?“
Anna stellte das Tablett auf den leeren Tisch, wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und fuhr erst dann fort.
„Jeder hier hat gesehen, was heute passiert ist“, sagte sie deutlich. „Ihr Ellbogenstoß hat das Glas umgestoßen. Es war nicht meine Schuld. Und es war auch gestern nicht meine Schuld, als Sie die Kellnerin angeschrien haben, sie würde stottern. Es war ein Systemfehler, den Sie nicht beheben wollten. Es war auch nicht meine Schuld vorgestern, als Sie behaupteten, ich hätte dem Gast kalte Suppe serviert. Ihre Küche war zehn Minuten zu spät – und ich habe einfach geschwiegen.“
Der Besitzer öffnete den Mund, aber Anna ließ ihm keine Gelegenheit zum Sprechen.
„Zwei Jahre lang habe ich alles getan, was Sie von mir verlangt haben. Ich habe Schichten übernommen, Überstunden gemacht und mir Ihre Beleidigungen anhören müssen, die Sie als ‚Stress‘ abtun. Und während ich mich bemühe, beobachten Sie jede meiner Bewegungen, als würden Sie nur auf den richtigen Moment warten, um mich zu vernichten.“
Im Restaurant herrschte reges Treiben. Die Leute drehten sich um, nickten, manche nahmen sogar ihre Brillen ab, um zu sehen, was los war. Die Spannung stieg, doch Anna sprach nun wie im Autopilotmodus – die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus, wie etwas, das jahrelang unterdrückt worden war.
„Jetzt sage ich Ihnen etwas“, fügte sie bestimmt hinzu.
„Ich kündige Ihnen heute.“
Der Besitzer sah aus, als hätte ihm jemand den Stuhl unter den Füßen weggezogen.

„Wa… was?“, stammelte er.
„Ich gehe. Ich bin 26 Jahre alt und will mein Leben nicht damit verbringen, mich von jemandem beleidigen zu lassen, der nicht einmal seine eigenen Fehler eingestehen kann. Ich habe keine Angst mehr vor Ihnen.“
Es herrschte absolute Stille – und dann geschah etwas Unerwartetes.
Eine elegante Frau mittleren Alters in einem Kostüm erhob sich an den Tisch am Fenster. Sie hielt eine Visitenkarte in der Hand.
„Miss“, wandte sie sich an Anna. „Mein Name ist Kateřina Malá. Ich bin die Regionalleiterin eines Unternehmens, das gerade ein neues Bistro in der Innenstadt eröffnet. Ich habe den ganzen Vorfall beobachtet. Und ich muss sagen, Ihre Reaktion war professioneller als das Verhalten Ihres Chefs. Falls Sie auf Jobsuche sind – hier ist meine Visitenkarte.“
Anna nahm sie ungläubig entgegen.
Der Besitzer errötete so stark, dass sein Gesicht die Farbe der Tomatensoße aus der Küche annahm.
„Sie … das ist doch nicht Ihr Ernst!“, schrie er die Managerin an.
Sie sah ihn an, als wäre er nur ein lästiger Störfaktor:
„Doch, ganz im Ernst. Ihr Verhalten ist inakzeptabel. Und wenn ich sehe, wie Sie mit Ihren Angestellten umgehen, verstehe ich, warum Ihr Lokal so viele negative Bewertungen hat.“
Die Gäste nickten. Einige begannen sogar zu klatschen.
Der Besitzer wollte noch etwas sagen, doch seine Stimme ging im Applaus unter, der das ganze Restaurant erfüllte. Anna stand da, wie betäubt, aber gleichzeitig ruhiger als je zuvor.
Und dann kam der letzte Schlag.
Der ältere Herr am Eckplatz stand auf und sagte laut genug, dass es das ganze Restaurant hören konnte:
„Junge Dame, Sie haben heute mehr Mut bewiesen als Ihr Chef in seinem ganzen Leben. Solche Menschen blühen auf. Und die anderen … nur, wenn man sie schreien lässt.“
Der Besitzer verschwand in der Küche, als wollte er sich verstecken.
Und Anna? Sie nahm die Karte, bedankte sich, zog ihre Schürze aus und legte sie auf den letzten Tisch, den sie an diesem Tag bedient hatte.
Als sie das Restaurant verließ, wichen die Gäste ihr aus und warfen ihr besorgte Blicke zu.
Dieser Moment bedeutete alles. Endlich wehrte sie sich.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich nicht wie eine Kellnerin, die gedemütigt wird, sondern wie eine Frau, die gerade ein neues Kapitel in ihrem Leben aufgeschlagen hatte.