Die zwölfjährige Klara liebte die Schule, aber nicht an diesem Montag. Sie schrieben einen schwierigen Mathetest, und sie wusste, dass sie nicht darauf vorbereitet war. Als sie morgens aufwachte, hatte sie bereits einen Plan. Sie nahm ein Thermometer, legte es auf die Heizung, und innerhalb von Sekunden stieg die Temperatur deutlich über vierzig Grad. Dann kroch sie zurück ins Bett, atmete tief durch und rief ihre Mutter an.
„Mama … mir geht es furchtbar. Ich glaube, ich habe Fieber.“
Die Mutter, eine müde und gestresste Frau, eilte herbei, legte ihrer Tochter die Hand auf die Stirn und blickte entsetzt auf die Zahlen auf dem Thermometer. Diese Reaktion traf Klara tiefer, als sie zugegeben hatte. Einen Moment lang wollte sie fast alles beichten. Doch dann ging ihre Mutter zur Arbeit, und es wurde still in der Wohnung.
Klara sprang auf, versteckte das Thermometer, schaltete eine Fernsehserie ein und ließ sich erleichtert auf die Couch fallen. Der Tag schien wie ein Traum – Ruhe, Wärme und keine Mathematik.
Und dann wurde es Mittag.
Zuerst hörte sie das Geräusch eines Schlüssels im Schloss. Es war ein kurzes, metallisches Klicken. Klara bekam sofort Gänsehaut. Ihre Mutter kam nie ohne Anruf nach Hause. Ihr Stiefvater war auf Geschäftsreise. Das Mädchen hatte Recht – die Tür war gerade aufgegangen.
Sie schaltete den Fernseher stumm und spähte leise in den Flur.
Ihre Tante stand in der Wohnung. Die strenge, zurückhaltende Schwester ihres Vaters, eine Frau, von der ihre Mutter immer nur flüsternd sprach und die die seltsame Gabe besaß, im unpassendsten Moment aufzutauchen. Klara wusste jedoch, dass ihre Tante keinen Schlüssel hatte. Niemand hatte ihr einen gegeben, und ihre Mutter hatte wiederholt betont, dass sie nicht wollte, dass sie unangemeldet in die Wohnung kam.
Tante blickte sich in den Zimmern um, als fürchtete sie, beobachtet zu werden. Ihr Gesicht war angespannt, Schweißperlen glänzten auf ihrer Stirn. Dann ging sie zu der Garderobe, an der der Mantel ihrer Mutter hing, der schwarze, elegante, den diese nur zur Arbeit trug. Tante nahm ihn vom Bügel, öffnete die Innentasche und steckte mit einer schnellen Bewegung einen kleinen Gegenstand hinein. Klara konnte ihn nicht genau erkennen, sie erhaschte nur einen flüchtigen Blick auf das metallische Glitzern.
Dann holte Tante ihr Handy heraus und flüsterte:
„Ja … es ist da. Genau da, wo du es haben wolltest. Du kannst heute Abend kommen. Mit der Polizei. Ja … ich verstehe. Herzlichen Glückwunsch. Er wird nichts verstehen. Sie auch nicht.“
Klaras Magen verkrampfte sich. „Sie“ … es war ihre Mutter. „Er“ … ihr Vater.
Tante hängte ihren Mantel zurück an die Garderobe und ging schnell hinaus. Die Tür schloss sich, Stille kehrte in die Wohnung ein.
Klára stand einige Sekunden wie erstarrt da. Sie wusste nicht, ob sie weglaufen, ihre Mutter anrufen oder so tun sollte, als hätte sie nichts gesehen. Schließlich rannte sie zu ihrem Mantel. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie die rechte Tasche kaum finden konnte. Sie griff hinein und tastete nach einem festen Gegenstand.
Sie zog ihn ins Licht.
In ihrer Hand hielt sie einen Umschlag. Er war offiziell, dick und versiegelt. Auf der Vorderseite stand der Name ihrer Mutter. Darunter ein Stempel:
Polizei der Tschechischen Republik – Abteilung Wirtschaftskriminalität.

Klára öffnete den Umschlag wie vom Blitz getroffen. Es ging nicht leicht, das Siegel war fest verschlossen, als sollte es sie genau daran hindern. Darin befanden sich diverse Dokumente: Briefköpfe der Polizeibehörde, Kopien von Aussagen, eine Liste von Transaktionen. Und auf allen Papieren tauchte derselbe Name auf:
Ihre Mutter.
Der Anhang enthielt außerdem einen Scan:
Verdacht auf Veruntreuung von 480.000 CZK.
Klára spürte, wie ihre Beine nachgaben. Ihre Mutter hatte nie etwas gestohlen. Sie hatte als Buchhalterin gearbeitet und ihr ganzes Leben lang versucht, ihre Familie zusammenzuhalten. Woher sollten solche Anschuldigungen kommen?
Klára blätterte die Unterlagen erneut durch und fand etwas anderes zwischen den Papieren. Eine kleine SD-Karte. Darauf klebte ein Zettel:
„Beweis der Schuld.“
In diesem Moment verstand sie.
Ihre Tante versuchte, ihre Mutter zu beschuldigen. Ihre eigene Verwandte. Jemand, der sich als Beschützerin der Familie ausgab. Es war eine Falle. Absichtlich, gut geplant, genau getimt.
Aber warum?
Auf der letzten Seite des Umschlags befand sich ein handgeschriebener Zettel. Zuerst verstand Klára nicht, warum er dort lag, bis sie den Inhalt las:
„Nach der Scheidung soll sie die Hälfte des Hauses bekommen. Das werde ich nicht zulassen. Alles geht an mich.“
Es war in der Handschrift ihrer Tante geschrieben.
Klara spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Ihre Mutter war in Gefahr. Ihr Vater vielleicht auch. Und ihre Tante wollte noch am selben Abend die Polizei rufen – mit den gefälschten Beweismitteln, die sie gerade in ihren Mantel gesteckt hatte.
Klara umklammerte die SD-Karte in ihrer Handfläche. Sie wusste bereits, dass sie richtig gehandelt hatte, indem sie zu Hause geblieben war. Und jetzt war sie die Einzige, die ihre Mutter retten konnte.
In diesem Moment klingelte das Telefon.
Ein einziges Wort erschien auf dem Display:
Tante.