Um ihre Familie zu retten, traf ein junges Mädchen die schrecklichste Entscheidung ihres Lebens. Sie willigte ein, einen alten Mann zu heiraten, der sich niemandem zeigte. Selbst an den wärmsten Tagen trug er Maske, Hut und Handschuhe. Niemand wusste genau, was er verbarg. Manche behaupteten, er sei verbrannt, andere, er leide an einer seltenen Krankheit. Und manche flüsterten, sein einsames Leben und sein abgelegenes Anwesen bargen ein dunkles Geheimnis.

Ihr Vater hatte viele Jahre für diesen mysteriösen Mann gearbeitet. Und er war es, der an dem Tag, als die Familie ihr Zuhause zu verlieren drohte, die Worte sprach, die alles veränderten.

„Sie wollen uns rausschmeißen“, flüsterte er fast unhörbar. „Wenn wir die Schulden nicht bezahlen, haben wir morgen kein Dach mehr über dem Kopf.“

Das Mädchen sah ihre Mutter an, die krank im Bett lag. Ihre Augen waren geschlossen, ihr Atem schwach und unregelmäßig. Die Medikamente gingen zur Neige, und das Geld war längst aufgebraucht.

„Ich tue alles“, antwortete das Mädchen. „Sag mir, was wir tun sollen.“

Der Vater hielt inne. Als ob er zögerte, ob er es überhaupt aussprechen konnte.

„Mein Chef … ist bereit, uns zu helfen. Die Schulden zu begleichen. Und auch die Behandlung deiner Mutter zu organisieren.“ Er blickte einen Moment zu Boden. „Aber er hat eine Bedingung.“

„Welche?“

„Du musst ihn heiraten.“

Die Worte fielen wie ein Stein in die Stille. Das Mädchen spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

„Den Mann, der sich hinter dem Schleier verbirgt?“

„Ja.“

Sie fragte nicht weiter. Die Entscheidung war schneller gefallen, als sie es sich je hätte vorstellen können. Sie war aus Hilflosigkeit, Verzweiflung und selbstloser Liebe zu ihrer Familie geboren.

Die Hochzeit fand im Stillen statt. Keine Gäste, keine Musik, keine feierlichen Reden. Nur Unterschriften, eine seltsame Atmosphäre und das beklemmende Gefühl, dass ein Vertrag geschlossen wurde, keine Ehe. Als sie durch die Tore seines Anwesens fuhren, sah sie zum ersten Mal den Palast, von dem die Leute jahrelang geflüstert hatten. Weitläufig, still, umgeben von hohen Mauern und einem Garten, der fast unbewohnt wirkte.

Alles im Haus war wunderschön, aber kalt. Es war, als sei das Leben irgendwo zwischen Luxus und Leere stehen geblieben. Die Diener schritten leise, senkten die Köpfe und flüsterten. Niemand wagte es, ihrem Herrn in die Augen zu sehen, oder besser gesagt, in den Schleier, der sie verhüllte.

In der Hochzeitsnacht bat er sie in sein Zimmer. Die Tür war geschlossen, das Licht gedämpft, und überall lag Kerzenduft. Es war der Versuch, Romantik zu erzeugen, die in dieser seltsamen Verbindung jedoch eher Kulisse als Realität zu sein schien.

Das Mädchen saß zitternd auf der Bettkante. Sie wusste nicht, was sie von diesem Mann erwarten sollte. Sie bemerkte weder sein Alter noch seinen Stand – es erschreckte sie, dass sie sein Gesicht nicht kannte. Dass sie mit jemandem zusammenlebte, der der Welt etwas Wesentliches verbarg.

Der Mann näherte sich ihr langsam. Seine Schritte waren leise, fast unhörbar. Er nahm seinen Hut ab und legte ihn auf den Tisch. Dann berührte er das Gummiband der Maske.

„Hab keine Angst“, sagte er zum ersten Mal mit leiser, sanfter Stimme. „Ich möchte dir nur die Wahrheit zeigen.“

Seine Hand zitterte, als er die Maske vom Gesicht nahm. Es klickte leise. In diesem Moment verkrampfte sich der Magen des Mädchens. Sie atmete nicht.

Die Maske fiel langsam herunter.

Und dann schrie sie auf.

Nicht, weil sie etwas Entstelltes oder Monströses sah. Der Schrecken, der sie den Mund zuhalten ließ, hatte eine ganz andere Gestalt. Unter dem Schleier verbarg sich nicht das entstellte Gesicht eines alten Mannes, sondern ein junges Gesicht – unerwartet jung, kaum dreißig. Scharfe Züge, tief liegende Augen und ein Ausdruck, der Verlegenheit und Traurigkeit zugleich widerspiegelte.

Der Mann trat zurück und senkte den Blick.

„Ich bin nicht krank“, gab er leise zu. „Auch nicht entstellt. Ich habe nur eine Lüge gelebt, die ich mir selbst geschaffen habe. Die Leute hielten mich seit meiner Kindheit für ein Sonderling. Mein Vater zwang mich, mich vor der Welt zu verstecken, weil er sagte, das sei der einzige Weg, mich in Sicherheit zu bringen. Ich habe mich daran gewöhnt. Und als er erwachsen war, gewöhnte sich die Welt auch an meine Anonymität.“

Das Mädchen verstand nicht.

„Aber warum wolltest du mich heiraten?“

Er sah ihr in die Augen.

„Weil dein Vater mir einmal erzählt hat, dass du die Einzige warst, die nie über seine Armut gelacht hat. Er sagte, du hättest ein gutes Herz. Und ich wollte wissen, ob ich mit jemandem zusammenleben könnte, der mich so sieht, wie ich wirklich bin.“

Das Mädchen wusste keine Antwort. Ihre Angst wich langsam Schock, Neugier und einem seltsamen, unerwarteten Bedauern.

Doch wie sie bald feststellen sollte, war dies noch nicht das Ende der Geschichte. Das Geheimnis des Mannes reichte tiefer als seine Maske. Und in den folgenden Tagen entdeckte sie, dass seine Vergangenheit etwas verbarg, das nicht nur sie, sondern ihre gesamte Familie bedrohte.

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