Der Wald war still. Zu still. Nur der Wind wirbelte ab und zu Staub auf der Straße auf, die sie fast eine Stunde lang gefahren war. Der Motor lief noch, als sie beschloss, die Autotür zu öffnen. Ihre Hände zitterten. Sie hatte mit allem Möglichen gerechnet: ein Bett, in dem ihr Mann sich mit einer anderen Frau vergnügte; einen halbnackten Körper; eine Liebesszene; sein Auto, schamlos vor dem Haus eines anderen geparkt.
Aber das hier ganz bestimmt nicht.
Das Gebäude wirkte, als stünde es seit Jahrzehnten leer. Die Ziegel waren rissig, die Fenster verdunkelt, einige zerbrochen. Keine Autos in der Nähe, kein Geräusch. Nur eine seltsame Atmosphäre – ein plötzliches Beklemmungsgefühl, der flüchtige Gedanke, sofort zu gehen.
Dennoch fuhr sie weiter.
Sie klammerte sich an ihr Handy, als letzten Ausweg aus der Realität. Sie spürte instinktiv eine geladene Powerbank in ihrer Tasche, als ob sie ahnte, dass etwas passieren würde. Die Tür des Gebäudes stand einen Spalt offen, wie ein offener Kiefer an seinen rostigen Angeln.
„Hallo?“, rief sie leise.
Ihre Stimme verhallte in den Wänden und kehrte nur als geflüstertes Echo zu ihr zurück.
Langsam betrat sie das Gebäude.
Es war dunkel. Sanft kühl, altes Holz, und etwas, das wie eine Brandspur aussah. Sie leuchtete mit ihrem Handy den Weg aus. Das Licht fiel auf den staubigen Boden, auf die kaputten Möbel, auf die alten Pappkartons, die verstreut herumlagen.
Und dann bemerkte sie etwas Seltsames.
Fußspuren.
Zwei deutliche Schuhabdrücke führten von der Tür ins Innere des Gebäudes. Sie waren frisch. Der Staub war erst vor Kurzem aufgewirbelt worden. Jemand war also hier gewesen. Und wenn es ihr Mann war …
Sie schluckte.
Ihre Gedanken überschlugen sich: Warum sollte der Detektiv hierher geschickt haben? Warum eine geheime Adresse ohne Erklärung? Warum hatte er gesagt: „Du musst es selbst sehen“?
Da kam ihr ein erschreckender Gedanke: Was, wenn es kein Liebhaber war? Was, wenn es etwas anderes war? Etwas viel Schlimmeres?
Das Licht des Handys erfasste etwas Metallisches. Sie ging näher heran und bemerkte es – da lag etwas wie ein kleiner Metallanhänger. Sie hob ihn auf. Sie drehte ihn um.
Es war der Schlüsselanhänger ihres Mannes. Der Anhänger, den er seit zehn Jahren an seinem Schlüsselbund trug. Auf der Rückseite war eine kurze Widmung von ihr eingraviert.
Das Mädchen erstarrte.
Der Anhänger war sorgfältig platziert worden. Nicht fallen gelassen. Nicht verloren. Aufbewahrt.
Und das bedeutete, dass er gefunden werden sollte.

Das Handy vibrierte.
Sie erstarrte. Eine Nachricht vom Detektiv.
„Bist du drinnen?“
Sie tippte schnell:
„Ja. Was ist hier los?“
Drei Punkte … er schrieb die Antwort …
„Lauf. Jemand ist da.“
In diesem Moment gab der Boden unter ihren Füßen erneut vor Angst nach. Plötzlich hörte sie Schritte. Nicht ihre eigenen. Kein Echo.
Echte Schritte.
Schwere, bedächtige, langsame Schritte.
Jemand war im selben Gebäude.
Instinktiv und lautlos schaltete sie das Telefon aus. Sie drehte sich um und versuchte, tief durchzuatmen. Die Schritte wurden lauter und kamen aus dem dunklen Flur näher. Und dann – das leise Klirren von Metall.
Als hielte jemand Schlüssel in der Hand. Oder ein Messer.
Sie wäre gerannt, wenn ihre Neugier nicht stärker gewesen wäre als ihre Angst. Langsam ging sie zur Wand, beugte sich vor und spähte in den Flur.
Und da sah sie ihn.
Ihren Mann.
Lebendig.
Er stand da, den Rucksack über der Schulter, in Arbeitskleidung, die Augen rot vor Müdigkeit. Aber er war es – lebendig, atmend, real.
„Du …?“, flüsterte sie.
Er drehte sich zu ihr um. Seine Augen weiteten sich vor Schreck. Als hätte er nicht damit gerechnet, sie zu sehen. Als hätte er gehofft, sie würde nie kommen.
„Du hättest nicht hier sein sollen“, sagte er leise. „Du hättest es nie erfahren dürfen.“
Langsam trat er aus dem Schatten.
„Was … was ist hier los? Du lebst noch? Und der Detektiv …“
Er lachte bitter auf.
„Er ist kein Detektiv. Er ist mein Bruder. Er arbeitet für mich.“
Ihr stockte der Atem. Schock, Wut, Verrat wirbelten in ihrem Kopf.
„Ich dachte … du hättest einen Liebhaber.“
„Habe ich nicht“, sagte er. „Ich habe niemanden. Aber wenn du die Wahrheit wüsstest … würdest du nie hierbleiben wollen.“
Sein Gesicht verdüsterte sich.
„Ich betrüge nicht. Habe ich nie. Aber ich verberge schon lange etwas, das dich mehr zerstören würde als Untreue.“
Langsam drehte er sich um und deutete auf die Tür am Ende des Flurs.
„Sieh hin. Dann wirst du es verstehen.“
Ihr Herz hämmerte wie wild. Sie tat einen Schritt, noch einen, jeder schwerer als der vorherige. Sie hielt den Atem an, als sie die Tür öffnete.
Und was sie sah, hatte nichts mit Liebe oder Verrat zu tun, sondern mit etwas viel Düstererem.
In dem kleinen Zimmer hing eine Pinnwand voller Fotos.
Fotos von ihr.
Vom ersten Tag ihrer Ehe bis zu ihrem ersten Job. Grundschule. Ihre Eltern. Ihre beste Freundin. Menschen, die sie nicht kannte, die aber zu verschiedenen Zeiten mit ihr in denselben Städten gelebt hatten. Fotos, aufgenommen aus der Ferne, von verborgenen Orten.
Alles durch Fäden verbunden. Eingekreiste Gesichter. Texte, Pfeile, Daten.
„Was … ist das?“, flüsterte sie.
Ihr Mann trat näher. Seine Augen waren so dunkel wie die Nacht.
„Deswegen“, sagte er, „bin ich verschwunden. Und deshalb haben sie dich hierhergebracht.“
„Sie?“, keuchte sie.
„Ja“, antwortete er. „Und jetzt, wo du es gesehen hast … lassen sie uns nicht gehen.“