Eine einsame Großmutter fand ein armes Tier auf der Straße und nahm es, weil sie es für ein gewöhnliches Kätzchen hielt, bei sich auf. Doch als das Tier ausgewachsen war, stellte sich heraus, dass es gar keine Katze war, sondern…

Eine einsame Großmutter lebte seit über zwanzig Jahren am Dorfrand. Ihr Holzhaus neigte sich jeden Winter unter der Schneelast, im Sommer duftete es nach getrockneten Kräutern, und im Herbst war es von braunem Laub umgeben, das bei jedem Schritt raschelte. Ihr Mann war vor vielen Jahren gestorben, und ihr einziger Sohn war in die Stadt gezogen, von wo er kaum noch etwas hörte. Die Großmutter hatte sich an die Stille gewöhnt, doch manchmal, besonders an langen Abenden, stach sie wie ein Nadelstich.

An einem klaren Herbstmorgen kehrte sie mit einer Schwertscheide im Arm vom Wald zurück. Der Wind heulte durch die Bäume, und leichter Regen trommelte auf ihre Kapuze. Doch am Wegesrand sah sie einen dunklen Klumpen, kaum sichtbar zwischen den nassen Blättern. Sie fürchtete, es sei ein verletztes Tier. Als sie sich bückte, um genauer hinzusehen, hörte sie aus dem Laubhaufen ein kaum hörbares Wimmern. Oma kniff die Augen zusammen – und unter den Blättern entdeckte sie einen winzigen, nassen Körper.

Es war ein Kätzchen. Zumindest sah es so aus.

„Du Arme“, flüsterte sie und nahm es vorsichtig in die Arme. Das Tier zitterte vor Kälte und Schwäche. Oma wickelte es in ihren Schal und eilte nach Hause.

Als sie ankam, heizte sie den Ofen an und stellte das Kleine zum Wärmen darauf. Sie gab ihm warme Milch auf einem Löffel, und in ihren alten Händen schien das Tier zum Leben zu erwachen. Es hob den Kopf, wand sich in seiner Decke und schmiegte sich so fest an sie, dass Oma Tränen in den Augen hatte. Es war lange her, dass jemand sie so gebraucht hatte.

Tage vergingen. Das Findelkind wurde ihr kleiner Lichtblick. Sie sprach mit ihm, streichelte es, gab ihm einen Namen – zuerst nur „Kätzchen“, weil ihr nichts Passenderes einfiel. Das Tier wurde kräftiger, wuchs und nahm immer mehr Platz auf ihrem Schoß ein. Aber es war etwas Besonderes an ihm.

Sein Fell war ungewöhnlich dicht und rau. Seine Ohren waren größer, als die eines Kätzchens sein sollten. Seine Pfoten hatten ungewöhnlich lange Zehen und scharfe Krallen, die selbst nach häufigem Schneiden nicht kleiner wirkten. Seine Augen waren bernsteinfarben, seltsam tief und wild – nicht wie die einer Hauskatze, sondern eher wie etwas … Waldartiges.

Oma bemerkte das, maß ihm aber keine Bedeutung bei. Schließlich sind auch Katzen anders.

Ein paar Monate später jedoch erreichte er eine Größe, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Wenn er auf dem Boden saß, reichte sein Rücken fast bis zu ihrem Knie. Seine Bewegungen waren unglaublich leise und schnell. Manchmal verschwand er stundenlang aus dem Haus und kehrte mit einem Ausdruck zurück, den sie nicht deuten konnte. Aber es war immer noch ihr Kätzchen. Sie war blind für all die Warnzeichen, denn sie war endlich weniger allein als seit Jahren.

Bis zu jenem schicksalhaften Abend.

Es war dunkel, der Wind peitschte gegen die Fensterläden, und Oma versuchte, eine alte Petroleumlampe anzuzünden. Da hörte sie draußen ein Geräusch – das Knacken eines Astes, gefolgt von einem leisen Schnurren. Das Kätzchen richtete sich auf, sein Fell sträubte sich, und es stieß ein tiefes, warnendes Knurren aus. Nicht wie eine Katze. Eher wie ein kleines Tier aus dem tiefen Wald, das gerade Gefahr gespürt hatte.

Oma wurde unsicher.

„Kätzchen, sei doch nicht so albern“, versuchte sie es zu beruhigen.

Aber es rührte sich nicht. Es stand an der Tür, gespannt wie ein Faden, seine Augen leuchteten bernsteinfarben. Und dann geschah es.

Jemand versuchte, die Tür zu öffnen.

Oma schrie auf. Nicht, weil sie Besuch erwartete, sondern weil sie eine Stimme hörte: männlich, rau, fremd. „Alte Frau, machen Sie auf, wir wissen, dass Sie da sind!“, kam eine Stimme von draußen.

Es waren zwei Männer aus dem Dorf, die schon seit Tagen von Haus zu Haus zogen und Holz, Werkzeug und manchmal auch Geld stahlen. Sie wusste von ihnen. Jetzt standen sie vor ihrem Haus. Draußen war es dunkel.

Einer von ihnen versuchte, die Tür aufzubrechen.

Oma wollte um Hilfe rufen, aber ihre Stimme versagte.

Und dann sah sie etwas, womit sie nie gerechnet hätte.

Ein Kätzchen – ihr geliebtes, sanftes, zartes Kätzchen – sprang zum Fenster. Aber es war kein Katzensprung. Er war schnell, kraftvoll und auf animalische Weise tödlich. Das Tier prallte so heftig gegen die Tür, dass die Holzplanke erzitterte. Und in diesem Aufprall, in dieser einen heftigen Bewegung, sah Oma zum ersten Mal seine wahre Gestalt.

Es war kein Katzensprung. Es hatte nicht einmal die Gestalt einer Katze.

Es war ein Luchs.

Ein junger Luchs, den wahrscheinlich jemand aus dem Wald gejagt oder seine Mutter verloren hatte. Und nun war er ausgewachsen. In ihrem Haus. Ohne dass sie es bemerkte.

Die Tür öffnete sich. Die Diebe versuchten einzusteigen.

Das Tier stürzte sich vorwärts.

In dem kleinen Haus brach ein Kampf aus, den Großmutter selbst nicht überlebt hätte. Sie hörte Gebrüll, Schreie, Krallen, dumpfe Schläge. Ein Mann wurde vom Luchs sofort zu Boden gerissen, der andere rannte schreiend davon, dass er nie wiederkommen würde.

Als Stille einkehrte, kehrte das Tier zu Großmutter zurück.

Und dann geschah etwas noch viel Schrecklicheres.

Der Luchs – ein großer, wilder, gefährlicher Luchs – klammerte sich an sie wie ein kleines Kätzchen. Genau wie früher, als er noch klein war. Er schmiegte sich eng an sie und schnurrte leise.

Großmutter richtete sich langsam auf, legte ihre Hand auf seinen Kopf und flüsterte:

„Du bist keine Katze … aber du gehörst mir.“

Und erst da begriff sie, dass sie das Tier gerettet hatte, das eigentlich sie retten sollte.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *