Nachdem sie ihre Stelle im Krankenhaus verloren hatte, nahm eine Krankenschwester eine Stelle bei einem behinderten Milliardär an. Doch schon nach wenigen Tagen bemerkte sie etwas wirklich Unheimliches in seinem Haus.

Als die junge Krankenschwester Lera wegen angeblich fehlender Medikamente entlassen wurde, brach ihre Welt mit einem Schlag zusammen. Die Flure, wo einst ihr Lachen erklang, waren nun erfüllt von Geflüster. Jemand hatte sie beschuldigt, aber niemand wusste, wer. Ihre Kollegen wandten sich mit Blicken von ihr ab, die noch mehr schmerzten als der Verlust ihres Arbeitsplatzes selbst. Die Krankenhausleitung wartete nicht auf ihre Erklärung. Es passte ihnen nicht. Es war einfacher, das Problem loszuwerden, als die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Und so fand sich Lera mit einem Koffer, ein paar Geldscheinen in der Tasche und einem Namen, der nichts mehr bedeutete, auf der Straße wieder. Als ihre Vermieterin sie hinauswarf, sah sie ihr nicht einmal in die Augen. Es gab nur eine Erklärung: Sie hatte einen Kampf verloren, der noch gar nicht begonnen hatte.

An diesem Tag rief sie alle medizinischen Einrichtungen der Stadt an. Die Antwort war immer dieselbe. Höflich, kühl, bestimmt. Niemand will eine Krankenschwester mit einem angeschlagenen Ruf einstellen. Niemand will Ärger.

Und gerade als Lera auf ihrem Koffer saß und versuchte, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass eine einzige Anschuldigung ihr ganzes Leben ruinieren könnte, klingelte das Telefon. Eine ausländische, förmliche Frauenstimme bot ihr einen Job an: Pflegekraft für einen wohlhabenden jungen Mann, der dauerhaft im Rollstuhl saß. Sofortiger Vertrag, Unterkunft direkt im Haus, hohes Gehalt.

Lera wollte gar nicht wissen, woher sie ihre Nummer hatten. Es war eine Chance, die sie nicht ausschlagen konnte.

Als sie in der Residenz ankam, fiel ihr als Erstes die Kälte auf. Nicht nur die körperliche. Die Atmosphäre war wie in einem Haus, in dem seit Langem niemand mehr geträumt, geweint oder gelacht hatte. Hohe Decken, glänzende Marmorböden, lange Flure ohne ein einziges Bild. Die drei Bediensteten bewegten sich leise, fast lautlos, als wollten sie jedes Geräusch vermeiden.

Der junge Milliardär Alexei war auf den ersten Blick das genaue Gegenteil von dem, was sie sich vorgestellt hatte. Viel jünger, als sie erwartet hatte. Prägnante Gesichtszüge, tadellose Kleidung, ein unbewegter Ausdruck. Er lächelte nur leicht, und selbst dann eher aus Höflichkeit als aus Freude. Doch sein Blick mied jeden, auch sie. Die Bediensteten achteten streng darauf, dass er korrekt und zügig bedient wurde, ohne unnötige Berührungen oder Fragen.

Die ersten Tage verliefen friedlich. Lera gab ihm Medizin, maß seinen Blutdruck, erkundigte sich nach seinem Zustand und versuchte, den Rhythmus des Hauses zu verstehen. Nachts störte sie nur das leise Rauschen des Windes an den großen Fenstern. Abends verschwanden die Bediensteten wie Schatten in ihren Zimmern, und Lera hatte das Gefühl, das Haus schloss sich langsam um sie.

Und dann begannen die seltsamen Dinge.

Einmal bemerkte sie, dass Alexei sich in seinem Rollstuhl anders bewegte als gewöhnlich. Ein anderes Mal glaubte sie, schnelle Schritte im Obergeschoss zu hören, obwohl die Bediensteten sagten, er sei der Einzige, der dort oben wohnte. Einmal bemerkte sie, dass seine Hände nicht so ruhig waren, wie er behauptete. Einen Sekundenbruchteil lang, eine winzige Bewegung, ein leichtes Zusammenpressen seiner Finger – und dann wieder Stille.

Doch das Haus barg seine eigenen Geheimnisse.

In der dritten Nacht hörte sie einen lauten Knall aus dem Flur. Scharf, dumpf, als hätte jemand einen Koffer fallen lassen oder wäre gestürzt. Sie öffnete die Tür und trat hinaus. Der Flur war dunkel und kalt. Die Lampen waren nur schwach beleuchtet, als trauten sich manche nicht, das Licht ganz anzuschalten. Als sie nach links blickte, sah sie eine Bewegung. Schnell, fast tierisch. Etwas Dunkles huschte um die Ecke.

Sie ging in diese Richtung, ihr Herz hämmerte so heftig, dass sie ihren eigenen Atem kaum noch hörte. Der Flur mündete in einen kleinen Nebenraum, den sie nicht kannte. Die Tür stand einen Spalt offen. Licht drang darunter hervor. Und auch Geräusche. Gedämpftes Flüstern, das plötzlich in leises, langgezogenes Stöhnen überging.

Lera stieß die Tür auf.

Und drinnen sah sie etwas, das ihr plötzlich schwindlig machte.

Mitten im Raum stand Alexei. Er stand. Nicht saß. Sein Rollstuhl lehnte an der Wand. Und er stand vor ihr, auf eigenen Beinen, den Rücken ihr zugewandt, angespannt, entschlossen, stark. Wie jemand, der wochenlang im Geheimen trainiert hatte.

Doch gleichzeitig sah sie noch etwas anderes. Der Diener kniete neben ihm, die Hände gefesselt. Und Alexei beugte sich über ihn, mit einem völlig anderen Ausdruck als je zuvor vor Lera.

Er flüsterte etwas. Etwas, das wie ein Befehl klang.

Und dann drehte er sich um.

Seine Augen trafen ihre.

Und Lera begriff, dass alles, was man ihr über ihn erzählt hatte, nur eine sorgsam inszenierte Kulisse gewesen war. Dass die Krankheit, der Rollstuhl, die Isolation, das emotionslose Personal – all das nur ein Teil einer größeren, viel düstereren Wahrheit war.

Und erst in diesem Moment wurde ihr bewusst, welch großen Fehler sie begangen hatte, als sie ein Haus betreten hatte, aus dem es vielleicht kein Zurück mehr gab.

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