Der Polizist hielt die Tomate in der Hand wie einen Beweisgegenstand aus einem Kriminalfall. Sein Gesicht verlor jede Nachsicht, die er der alten Frau noch vor wenigen Minuten entgegengebracht hatte.

„Was ist los?“, wiederholte der jüngere Beamte.

Der Ältere drehte die Tomate langsam zwischen den Fingern. Das Licht der Straßenlaterne fiel auf die Oberfläche – glänzend, perfekt rund, ohne Risse, ohne Flecken. Zu perfekt.

Behutsam drückte er die Schale ein wenig ein. Statt nachzugeben wie eine normale Tomate, fühlte sie sich hart an. Unglaublich hart.

Dann hörten beide ein leises Knacken.

Der Beamte erstarrte. Er sah die alte Frau an. Sie stand stocksteif, die Hände nervös ineinander verschränkt. Ihr Blick wich aus, wanderte unruhig über den Asphalt, über die Hauswand, über die Schuhspitzen der Polizisten – überall hin, nur nicht auf die Tomate.

„Was ist mit diesem Gemüse?“, fragte der jüngere Polizist leise.

Der Ältere antwortete nicht. Stattdessen zog er sein Taschenmesser heraus und schnitt die Tomate vorsichtig auf.

Ein einziger Schnitt – und der Inhalt fiel heraus wie Sand aus einem zerbrochenen Stundenglas.

Aber es war kein Sand.

Im Inneren befand sich kein Kerngehäuse, keine Samen, keine Fasern. Nur eine graue, körnige Masse. Und mitten darin ein kleiner zylindrischer Metallkörper, kaum größer als eine Tablette.

Der jüngere Polizist schnappte hörbar nach Luft. „Was zum…?“

Der Ältere beugte sich näher. „Das ist kein Gemüse. Das ist eine Hülle.“

Er nahm den Metallkörper mit Handschuhen auf, drehte ihn um.

Ein winziges rotes Licht blinkte darauf, kaum sichtbar, aber eindeutig aktiv.

„Ein Sender“, sagte er tonlos. „Oder ein Speicherchip. In jedem Fall etwas Hochsensibles. Und definitiv nichts, was eine harmlose Frau in ihrem Garten anbaut.“

Die alte Dame schluchzte plötzlich laut auf. „Bitte nicht! Bitte nicht! Ich… ich musste es tun! Ich hatte keine Wahl!“

Der jüngere Polizist drehte sich zu ihr um. „Wer hat Ihnen das gegeben? Mit wem arbeiten Sie zusammen?“

„Ich kann nichts sagen“, stammelte sie. „Sie bringen mich um. Mich und meinen Sohn.“

„Also gibt es jemanden“, sagte der Ältere. „Jemanden, der diese Hüllen herstellt. Jemanden, der sie vertreibt. Jemanden, der Sie benutzt.“

Die alte Frau sank auf die Knie, als würden ihre Beine nachgeben. „Ich wollte nur überleben. Sie sagten, ich wäre unauffällig. Nur eine Großmutter. Niemand würde mich verdächtigen…“

„Wer?“, fragte der jüngere Beamte gereizt. „Wer genau?“

Die Frau öffnete den Mund, als wolle sie sprechen – doch plötzlich erstarrte sie. Ihre Augen wurden groß. Sie blickte an den Polizisten vorbei, über deren Schultern hinweg, die Straße entlang.

„Nein… nein… nein…“, flüsterte sie panisch.

Die Beamten drehten sich um.

Am Ende der Gasse stand ein dunkler Lieferwagen. Keine Scheinwerfer. Keine Motorengeräusche. Nur ein schwarzer Schatten, der dort nicht hingehörte.

Die Tür des Fahrzeugs öffnete sich lautlos.

Ein Mann in dunkler Kleidung stieg aus. Groß. Breit gebaut. Das Gesicht unter einer Kapuze verborgen.

Er machte keinen Schritt. Er stand nur da. Und beobachtete.

Der ältere Polizist flüsterte: „Wir sind nicht allein.“

Die alte Frau fing an zu weinen. „Zu spät. Ich sagte doch, sie kommen immer zurück. Immer.“

Der Mann im Schatten hob eine Hand.

Es war keine Drohung.

Es war ein Zeichen.

Ein Zeichen, das die alte Frau offenbar nur zu gut kannte.

„Er ist ihr Aufpasser“, flüsterte sie gequält. „Wenn ich nicht abliefern kann, holen sie mich. Heute ist… sei froh, dass du mich festgenommen hast. Es ist wahrscheinlich das Einzige, was mich am Leben hält.“

Der ältere Polizist griff nach seinem Funkgerät. „Zentrale, wir benötigen sofort Verstärkung. Dringend. Möglicher bewaffneter Täter. Verdacht auf organisierten Schmuggel.“

Doch in diesem Moment schloss der Mann im Schatten die Tür des Lieferwagens wieder – und das Fahrzeug rollte langsam rückwärts in die Dunkelheit.

Kein Licht. Kein Geräusch. Kein Nummernschild.

Als wäre es nie da gewesen.

Stille.

Nur die alte Frau kniete im Licht der Laterne, und Tränen liefen ihr übers Gesicht.

„Er kommt wieder“, flüsterte sie heiser. „Sie hören nie auf.“

Die Polizisten sahen sich an. Zum ersten Mal an diesem Abend spürten sie nicht Mitleid – sondern kalte, klare Erkenntnis:

Das hier war kein gewöhnlicher Fall.

Dies war erst der Anfang.

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