Ein Arzt assistiert seiner Ex-Freundin bei einer schwierigen Geburt, doch als er das Neugeborene sieht, erstarrt er vor Entsetzen.

Die Geburtsstation glich an diesem Tag einem Bienenstock. Ärzte eilten von Zimmer zu Zimmer, Krankenschwestern riefen Zimmernummern, OP-Leuchten gingen an und aus, Maschinen piepten unregelmäßig. Die Luft war stickig, feucht und von Nervosität erfüllt.

Der Arzt, Dr. Marek, hatte gerade den OP-Saal verlassen. Die schwierige Operation hatte ihn körperlich und geistig erschöpft. Er wollte sich wenigstens eine Minute hinsetzen, tief durchatmen und sich die Augen mit kaltem Wasser ausspülen. Doch in diesem Moment öffnete sich die Tür, und eine der Hebammen rief:

„Wir haben eine Komplikation. Fortgeschrittenes Stadium, das Baby kommt langsamer, die Mutter ist instabil. Wir brauchen Sie sofort.“

Marek drehte sich um. Ohne groß Luft zu holen, schlüpfte er in einen neuen Kittel, desinfizierte sich schnell die Hände und betrat den Kreißsaal. Er tat, was er schon tausendmal getan hatte. Doch diesmal schien die Welt stillzustehen, als er das Gesicht der Patientin sah.

Sie lag auf dem Bett.

Anna.

Die Frau, die er mehr liebte als sein eigenes Leben. Die Frau, mit der sie sieben Jahre lang eine Zukunft geplant hatten. Die Frau, die spurlos verschwunden war – ohne ein Wort, ohne einen Anruf, ohne sich zu verabschieden. Jahrelang hatte er versucht zu verstehen, warum. Jahrelang hatte er gelernt zu vergessen.

Und nun lag sie da, blass, zitternd, Schweiß auf der Stirn, die Geräte an ihrem Körper. Ihr schwerer, runder Bauch zog sich in regelmäßigen Wehen zusammen. Sie klammerte sich an das Telefon, als fürchte sie, es loszulassen.

Ihre Blicke trafen sich. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen.

„Sie?…“, flüsterte sie. „Sind Sie mein Arzt?“

Marek schluckte. Ein Kloß im Hals. Er nickte nur. Er konnte nicht sprechen. Wenn er es täte, würde etwas in ihm zerbrechen. Er packte das Bett und schob sie wortlos in den OP-Saal, fest entschlossen, alles für ihre Sicherheit zu tun – selbst wenn sie die Letzte war, der er je helfen würde.

Die Geburt war furchtbar schwierig gewesen. Annas Blutdruck sank. Der Herzschlag des Babys verlangsamte sich. Der Raum war von Spannung erfüllt, als wäre er von statischer Elektrizität durchdrungen. Krankenschwestern wuselten umher, Anästhesisten bereiteten die Dosen vor, Marek gab Anweisungen und versuchte, ruhig zu bleiben, obwohl in ihm ein Sturm tobte.

Erinnerungen überfluteten ihn durch seine professionelle Maske: ihr Lachen, ihre Berührung, der Tag, an dem sie verschwand. Und vor allem, wie sie ihm nie die Chance gegeben hatte, die Wahrheit zu verstehen.

„Warum sie? Warum jetzt?“, dachte er.

Aber er hatte keine Zeit für Gefühle. Es ging um Leben.

Nach vierzig endlosen Minuten des Kampfes kam endlich der erste Schrei des Neugeborenen. Gedämpft, schwach, aber echt. Die Krankenschwestern atmeten erleichtert auf. Der Anästhesist lehnte an der Wand. Jemand weinte vor Freude.

Marek ging auf das Kind zu, hob es vorsichtig hoch und prüfte Atmung, Puls und Reflexe. Eine Routine, die er auswendig kannte. Doch in dem Moment, als er dem Neugeborenen das Tuch vom Gesicht nahm und es zum ersten Mal sah, erstarrte ihm das Blut in den Adern.

Er wurde so blass, dass es selbst den Krankenschwestern auffiel.

Er starrte das Kind einige Sekunden lang an, als hätte er etwas gesehen, das nicht hätte existieren dürfen.

Langsam, mit zitternder Hand, drehte er den kleinen Kopf ins Licht.

Dann wich er einen Schritt zurück – und stolperte beinahe.

„Doktor?“, fragte die Krankenschwester. „Ist etwas nicht in Ordnung?“

Doch Marek hörte nichts. Seine Augen klebten an dem Neugeborenen. Und je länger er hinsah, desto mehr fühlte er, wie seine Welt zusammenbrach.

Denn er kannte das Gesicht des Kindes.

Er kannte es aus seiner eigenen Kindheit.

Er kannte sie von Fotos, die er jahrzehntelang gesehen hatte.

Er kannte sie aus dem Spiegel.

Das Kind hatte genau seine Gesichtszüge – nicht ähnlich, nicht fremd, sondern identisch. Es war kein Zufall. Es war kein genetisches Spiel. Es war keine bloße Ähnlichkeit.

Es war, als sähe er sein eigenes Neugeborenenfoto.

Die gleichen Muttermale.

Die gleiche Augenform.

Die gleiche Nasenform.

Sogar das Muttermal an seiner Schläfe – genau an der gleichen Stelle.

Marek spürte, wie ihm die Augen brannten. Nicht vor Angst, sondern vor Schock. Seine Hände zitterten.

Das Kind … musste seins sein.

Aber das war nicht das Schlimmste.

Das Schlimmste war Annas Gesichtsausdruck, als sie mit Hilfe einer Krankenschwester hochgehoben wurde, um das Kind anzusehen. Sie weinte nicht vor Freude. Sie strahlte nicht vor Glück. Sie sah ihn – Mark – nur an, mit einem Blick, der Angst und Geständnis zugleich verriet.

„Ich wollte es dir sagen“, flüsterte sie. „Aber ich konnte nicht.“

„Wann?“, keuchte Marek.

„Als ich ging“, antwortete sie leise.

Marek verstand nicht. Alle Möglichkeiten wirbelten in seinem Kopf herum, jede verrückter als die vorherige. Wut, Liebe, Verrat und Schmerz wirbelten in ihm wie ein Strudel.

„Warum bist du gegangen?“, fragte er. „Warum hast du mir nicht die Wahrheit gesagt?“

Anna brach in Tränen aus. Ihre Tränen vermischten sich mit Schweiß. Doch das Feuer in ihrer Stimme erlosch nicht.

„Ich bin nicht vor dir weggelaufen. Ich bin vor jemand anderem weggelaufen. Vor etwas, das dein Leben zerstört hätte. Ich konnte dich da nicht mit hineinziehen. Und jetzt … jetzt gibt es kein Entrinnen mehr.“

„Entrinnen?“, wiederholte Marek. „Wovor?“

Aber Anna antwortete nicht mehr. Der Anästhesist legte sie wieder hin, ihr Blutdruck schwankte, die Geräte piepten warnend.

Und Marek hielt das Kind im Arm – seinen Sohn, dessen Existenz er sieben Jahre lang nicht gekannt hatte – und spürte, dass in diesem alptraumhaften Märchen etwas viel Düstereres verborgen lag.

Etwas, das Anna sich immer noch nicht auszusprechen traute.

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