Nach und nach wurde der Wald für ihn nicht mehr nur ein Job. Er wurde zu einem Geflecht von Beziehungen. Er kannte die Wanderrouten der Hirsche, die Nistplätze der Bussarde, die Stellen, an denen sich nach dem Regen Wasser sammelte. Er konnte am Geruch in der Luft den Unterschied zwischen einem natürlichen Feuer nach einem Blitzeinschlag und einer illegalen Müllverbrennung erkennen.
Ende Mai, nach einem heftigen Sturm, machte er sich auf den Weg, um eine abgelegene Schlucht zu kontrollieren. Der Regen hatte das Feuer gelöscht, doch ein stechender, chemischer Geruch hing noch in der Luft. Er stieg hinab und sah einen verkohlten Haufen Plastikkanister, die Überreste einer Plane und schwarze, verkohlte Erde. Jemand hatte das Feuer gelegt und war gegangen, ohne nach dem Rechten zu sehen.
Und direkt neben der Feuerstelle befand sich der Eingang zum Fuchsbau.
Der Rand war eingesunken, der Lehm von der Hitze ausgetrocknet, der Durchgang fast versperrt. Als er näher kam, hörte er ein Geräusch – ein leises, anhaltendes Kratzen. Kein Wimmern. Kein Heulen. Eher ein instinktiver Kampf ums Überleben.
Er ließ seinen Rucksack fallen, nahm eine Schaufel und begann vorsichtig, die Erde wegzuschaufeln. Er arbeitete langsam, um den Rest des Gewölbes nicht zu beschädigen. Nach wenigen Minuten hatte er eine ausreichend große Öffnung geschaffen.
Darin bewegten sich drei kleine Häufchen.
Fuchswelpen.
Noch blind, zitterten sie vor Kälte und Stress. Er konnte den erwachsenen Fuchs nicht finden. Vielleicht war sie weggelaufen, vielleicht war sie im Feuer umgekommen. Er verwarf keine Spekulationen.
Er zog sie einzeln heraus. Sie waren warm, er roch eine Mischung aus Milch und Rauch. Zwei von ihnen hatten das typische rostbraune Fell. Der dritte war dunkler, fast braun, als wäre er vom Feuer fortgerissen worden.
Er wusste, dass ihre Überlebenschancen ohne Hilfe minimal wären.
Er brachte sie zur Hütte. Aus einer Holzkiste, alten Decken und Thermoskannen baute er improvisierte einen Inkubator. Er konsultierte einen Tierarzt aus der Kreisstadt, der ihm eine Milchersatznahrung und Anweisungen gab. Die ersten Wochen stand er alle drei Stunden auf. Er fütterte sie mit einer Spritze, regte ihre Verdauung an und kontrollierte ihre Temperatur.

Er sah es nicht als Heldentat an. Es war seine Pflicht.
Sobald sie die Augen öffneten, begannen sie, ihre Umgebung zu erkunden. Ihre Scheu verloren sie nicht, sie gewöhnten sich nur an seinen Geruch. Er machte sie nie zu Haustieren. Er streichelte sie nicht unnötig, er brachte ihnen nicht bei, auf ihren Namen zu reagieren. Sein Ziel war nur eins: sie in den Wald zurückzubringen.
Nach einigen Monaten setzte er sie nach und nach in einem Gebiet fernab menschlicher Wege aus. Er beobachtete sie nur aus der Ferne. Er lehrte sie, nach Nahrung zu suchen, offene Flächen zu meiden und beim Geruch von Menschen zurückzuweichen.
An einem Herbstmorgen verschwand auch der dritte, dunklere Fuchs.
Der Förster fand zu seinem gewohnten Rhythmus zurück. Die Jahre vergingen.
Dann kam die Dürre.
Keine natürliche Sommerdürre, sondern eine lange Zeit ohne Regen. Die Nadeln waren spröde, der Boden hart. Es brauchte nur einen Funken.
Eines Nachmittags, als er den nördlichen Teil des Waldes inspizierte, bemerkte er eine ungewöhnliche Bewegung. Ein Fuchs stand am Rand der Lichtung. Er rannte nicht weg. Er starrte ihn nur an. Dunkleres Fell, eine auffällige Narbe über dem rechten Auge – ein dünner, heller Strich, an den er sich erinnerte, als er ein Junges aus dem heißen Lehm gezogen hatte.
Er erstarrte.
Der Fuchs drehte sich um und rannte ein paar Meter weg. Er blieb stehen. Er blickte zurück.
„Was für ein Zufall“, murmelte er.
Doch dann roch er etwas.
Rauch.
Nicht stark. Noch kaum wahrnehmbar. Es kam aus Nordosten, aus dem dichten Unterholz, wo die Dürre am längsten gedauert hatte.
Der Fuchs rannte wieder los und blieb stehen. Sie wartete.
Der Förster änderte seine Richtung.
Er bewegte sich schneller, als es sein Alter zuließ. Der Rauch wurde dichter. In einer flachen Mulde glimmte ein Baumstumpf – vermutlich, nachdem er vor einigen Tagen vom Blitz getroffen worden war. Unter der Erde breitete sich das Feuer unsichtbar aus und war bereit, beim ersten starken Wind in die Baumkronen zu schießen.
Er handelte sofort. Er räumte die Gegend, schuf einen provisorischen Streifen frei von brennbarem Material und nutzte einen tragbaren Wassertank aus seinem Geländewagen. Gleichzeitig kontaktierte er per Funk seine Kollegen.
Das Eingreifen erfolgte schnell. Das Feuer konnte eingedämmt werden, bevor es zu einer Katastrophe wurde.
Als sich die Lage beruhigt hatte, sah er sich um.
Am Waldrand, zwischen den Farnen, stand der Fuchs. Dieselbe Narbe. Dasselbe dunklere Fell. Sie war nicht allein – zwei weitere Silhouetten huschten in der Nähe vorbei.
Drei.
Sie kam nicht näher. Sie näherte sich nicht wie ein Haustier. Sie stand einfach nur da und beobachtete.
Der Förster spürte einen seltsamen Druck auf seiner Brust. Nicht die romantische Vorstellung von „Dankbarkeit“. Er wusste, dass Tiere nicht in menschlichen Moralvorstellungen dachten.
Aber er wusste auch, dass ein Raubtier sensibler auf Veränderungen in seiner Umgebung reagierte als ein Mensch. Vielleicht hatte es den Rauch zuvor bemerkt. Vielleicht hatte es seinen Geruch mit Sicherheit verbunden. Vielleicht war es nur eine instinktive Warnung.
Und doch.
Hätte er sie damals nicht aus der Schlucht gezogen, hätte er sie im Feuer umkommen lassen, wäre er heute nicht rechtzeitig hier.
Der Fuchs drehte sich um und verschwand zwischen den Bäumen.
Der Förster stand einen Moment da und lauschte dem Wind in den Baumwipfeln. Er war nicht überrascht, dass die Tiere überlebt hatten. Er war überrascht vom Zeitpunkt. Vom Zusammenspiel der Ereignisse.
Er hatte drei blinde Jungtiere aus dem Feuer gerettet, weil es das Richtige war.
Jahre später könnte eines dieser Leben den gesamten Wald gerettet haben.