Jede Stunde hatte ihren Preis: zwei Schichten in der Mensa, ein Stipendium, das an hervorragende Noten geknüpft war, ein Wohnwagen am Stadtrand, den sie sich nur leisten konnte, wenn das Budget es erlaubte. Müdigkeit war nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
An diesem Abend, kurz nach elf, kam sie mit einem Kopf wie Blei aus der Bibliothek. Drei schriftliche Prüfungen in einer Woche, kaum Schlaf, leerer Magen. Als sie einen schwarzen Wagen auf dem Bürgersteig sah, nahm sie automatisch an, es sei ihr Uber. Sie sah sich weder das Kennzeichen noch den Namen des Fahrers an. Sie öffnete die Hintertür und stieg ein.
Der Sitz war weich. Zu weich. Es roch nach feinem Parfüm und Leder. Die Tür schloss sich mit einem dumpfen Geräusch, das eher an einen Tresor als an ein normales Auto erinnerte. Das hätte ihr auffallen müssen.
Stattdessen schloss sie die Augen.
Eine Stimme weckte sie.
„Schlafen Sie öfter in fremden Autos ein, oder habe ich heute einfach nur außergewöhnliches Pech?“
Sie riss die Augen auf.
Ein Mann saß neben ihr. Nicht hinter dem Steuer – neben ihr. Der Fahrer saß vorne, durch eine diskrete Trennwand abgetrennt.
Der Mann trug einen perfekt sitzenden Anzug, wirkte ruhig und hatte den Ausdruck eines Mannes, der es gewohnt war, dass ihm die Welt aus dem Weg ging. Sein kastanienbraunes Haar war akkurat frisiert, ein Hauch von Ironie umspielte seine Mundwinkel.
Helena richtete sich auf.
„Das … ist nicht Uber“, hauchte sie.
„Absolut nicht“, erwiderte er. „Gabriel Albuquerque. Und Sie haben mein Auto gerade als Schlafsaal benutzt.“
Ihr Blick schweifte durch den Innenraum. Die eingebaute Minibar. Das Touchpad mit Ambientebeleuchtung. Die handgenähten Ledersitze. Das war nicht einfach nur Luxus. Das war ein Machtdemonstration.
„Du hast ungefähr zwanzig Minuten geschnarcht“, fügte er trocken hinzu.
„Ich schnarche nicht.“
„Leise“, lächelte er. „Aber es klang überraschend melodisch.“
Sie spürte, wie ihre Wangen glühten. Instinktiv umklammerte ihre Hand den Riemen ihrer Tasche.
„Tut mir leid. Ich steige aus.“
„Es ist Mitternacht“, erwiderte er ruhig. „Wo wohnst du?“
„Das weißt du vielleicht nicht.“

Sein Blick suchte, aber er war nicht aggressiv. „Du bist in ein fremdes Auto gestiegen und eingeschlafen. Ich fühle mich zumindest ein wenig verpflichtet, dich nach Hause zu bringen.“
Sie hätte ablehnen sollen. Die Vernunft riet ihr dazu. Aber die Müdigkeit war stärker als die Vorsicht.
Die Fahrt verlief fast lautlos. Die Stadt draußen vor den Fenstern verschwommen im Licht. Helena war sich des Unterschieds zwischen ihren Welten schmerzlich bewusst. Er fuhr in einem Auto, dessen Preis ihr gesamtes Studium finanzieren würde. Sie fragte sich, ob sie sich nächste Woche neue Winterstiefel leisten könnte.
Die Stille war fast greifbar, als sie vor ihrem Wohnmobil hielten.
Gabriel sah sie erneut an. Diesmal ohne Ironie.
„Studierst du?“, fragte er.
Sie nickte. „Wirtschaftswissenschaften.“
„Interessant.“
Er beobachtete sie einen Moment lang, als würde er unbekannte Variablen im Kopf durchrechnen.
„Ich mache dir ein Angebot“, sagte er schließlich. „Nicht romantisch. Nicht unangemessen. Rein geschäftlich.“
Sie erstarrte.
„Ich habe morgen früh um neun Uhr ein Meeting mit einem Analystenteam. Ich brauche jemanden, der keine Angst hat zu sagen, dass die Zahlen keinen Sinn ergeben. Du bist in ein fremdes Auto gestiegen, ohne nachzusehen. Das war ein Fehler. Aber du warst auch so erschöpft von der Arbeit und dem Studium, dass du das Risiko eingegangen bist. Das ist Entschlossenheit.“
Sie verstand nicht, worauf er hinauswollte.
Er reichte ihr seine Visitenkarte.
„Kommen Sie in mein Büro. Wenn Sie mich innerhalb von zehn Minuten davon überzeugen können, dass Sie den Markt besser verstehen als die Hälfte meiner Angestellten, zahle ich Ihnen ein Jahresgehalt und biete Ihnen ein bezahltes Praktikum an. Wenn nicht, sind Sie weg und ich sehe Sie nie wieder.“
Sie starrte ihn an.
„Warum?“, hauchte sie.
„Weil Talent ohne Chance verschwendetes Kapital ist“, antwortete er ruhig. „Und ich verschwende nicht gern.“
Sie stieg aus dem Auto, der Kopf voller Gedanken. Die Tür schloss sich leise hinter ihr, und der schwarze Lieferwagen verschwand in der Nacht.
Erst zu Hause, im kalten Licht einer kleinen Lampe, betrachtete sie die Karte genauer.
Gabriel Albuquerque
CEO
Albuquerque Global Holdings
Ihre beste Freundin, die auf dem zweiten Bett des Wohnmobils lag, richtete sich auf, sobald sie den Namen sah.
„Das ist unmöglich“, hauchte sie. „Er ist auf dem Cover des Forbes-Magazins. Er ist einer der einflussreichsten Investoren Europas.“
Helena spürte erneut einen Schauer über den Rücken laufen. Nicht wegen des Luxus. Nicht wegen seines Autos.
Wegen des Angebots.
Denn dies war kein Märchen von einem Milliardär und einer armen Studentin.
Es war eine Herausforderung.
Und sie hatte weniger als zehn Stunden Zeit, sich zu entscheiden: Wollte sie in einer Welt des Zufalls bleiben oder eine Welt betreten, in der jeder Fehler und jede Chance ihren Preis hatte?