Am Tag der Beerdigung meines Mannes war die Stille im Haus unerträglich.

Nicht die Art von Stille, die nachts herrscht, sondern eine dichte, schwere, als hätte sie sich in den Wänden festgesetzt und weigerte sich zu gehen. Mechanisch, emotionslos, zog ich mein schwarzes Kleid an, wie jemand, der Anweisungen befolgt. Im Spiegel sah ich nicht mich selbst, sondern die leere Silhouette einer Frau, deren Zukunft ihr genommen worden war und die vergessen hatte, den Grund dafür zu erklären.

Vor wenigen Tagen war mein Leben noch ganz normal gewesen. Dann klingelte das Telefon. Eine unbekannte Nummer. Eine trockene, offizielle Stimme. Ein Autounfall auf der Autobahn. Ein Schleudern. Ein heftiger Aufprall. Keine Chance. Ich erinnere mich, wie ich zu Boden sank, mich mit dem Rücken an die Wand lehnte und nach Luft rang. Ich weinte nicht. Ich konnte nicht einmal schreien. Ich fühlte nur, wie meine Welt in mir zusammenbrach.

Sie zeigten mir seine persönlichen Gegenstände. Die Uhr, die er nur nachts abnahm. Die Brieftasche, in der er unser altes Foto aufbewahrte. Die Schlüssel. Sie sagten mir, der Sarg würde verschlossen sein. Man sagte, der Leichnam sei in einem Zustand, der mir mehr schaden als nutzen würde. In diesem Moment stellte ich keine Fragen. Ich stimmte allem zu. Ich war wie betäubt, leer, unfähig, mich zu wehren.

Die Tage zwischen der Todesnachricht und der Beerdigung verschmolzen zu einem endlosen grauen Strom. Menschen kamen, umarmten mich, sprachen mit mir, aber ihre Worte erreichten mich nicht. Am schlimmsten waren die Abende. Ich saß in der Stille des Wohnzimmers und hatte das ständige Gefühl, jeden Moment den Schlüssel im Schloss zu hören. Dass sich die Tür öffnen und er zurückkehren würde, als wäre nichts geschehen.

Meine Schwester verhielt sich in diesen Tagen seltsam. Sie rief nicht an. Sie fragte nicht. Als ich ihr den Termin der Beerdigung nannte, antwortete sie kurz angebunden, dass sie nicht kommen könne. Arbeit. Verpflichtungen. Ich akzeptierte es widerspruchslos, obwohl es mich innerlich schmerzte. In diesem Moment hatte ich nicht die Kraft, eine weitere Enttäuschung zu verkraften.

Am Tag der Beerdigung stand ich im Flur, den Mantel über den Arm geworfen, den schwarzen Schal griffbereit. Ich wollte gerade gehen, als es an der Tür klopfte. Ich öffnete, doch der Flur war leer. Nur ein weißer Umschlag lag auf dem Boden.

Darin war ein kurzer Zettel. Ein einziger Satz.

„Geh nicht zur Beerdigung. Besuche deine Schwester. Du wirst alles verstehen.“

Zuerst lachte ich. Nicht hysterisch, sondern bitter. Ich hielt es für einen grausamen Scherz. Dass jemand den denkbar ungünstigsten Moment gewählt hatte, um mich zu erwischen. Doch dann überkam mich dieses Gefühl. Unklar, bedrückend. Als ob der Körper etwas wüsste, was der Verstand noch immer ablehnte.

Ich stand mit dem Zettel in der Hand einige Minuten da. Die Uhr tickte. Die Zeit rannte mir davon. Schließlich hängte ich meinen Mantel zurück auf den Bügel, nahm meine Autoschlüssel und ging hinaus.

Ich ging nicht zum Friedhof.

Die Fahrt zum Haus meiner Schwester schien endlos. Mein Kopf ratterte, ich suchte verzweifelt nach einer logischen Erklärung, aber nichts half. Meine Hände zitterten, als ich vor ihrem Haus parkte.

Die Tür war nicht verschlossen.

Ich ging hinein und rief ihren Namen. Niemand antwortete. Ich ging ein paar Schritte und dann sah ich ihn.

Mein Mann saß im Wohnzimmer.

Am Leben. Blass. Abgemagert. Als sich unsere Blicke trafen, begriff ich alles auf einmal. Den Unfall. Den geschlossenen Sarg. Das Fehlen meiner Schwester. Den Brief.

Ich sagte kein Wort. Ich drehte mich um, ging hinaus und rief die Polizei.

Dieser Tag war keine Beerdigung. Es war der Tag, an dem die Wahrheit beschloss, nicht länger zu schweigen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *