Der Hund zappelte nervös an meinen Füßen herum und spürte meine Unruhe. Hinter der Tür war ein gedämpftes Geräusch zu hören. Schritte. Das Schloss.
Eine Frau öffnete die Tür. Sie war ungefähr so alt wie ich, mit müden Augen und einem Gesicht, das denselben Ausdruck trug, den ich den ganzen letzten Monat im Spiegel gesehen hatte.
„Ja?“, fragte sie vorsichtig.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Die Worte blieben mir im Hals stecken. Ich blickte nur über ihre Schulter in den Flur, wo der Rucksack des Kindes hing. Blau. Mit demselben reflektierenden Streifen wie Lucas’.
„Entschuldigen Sie“, sagte ich. „Ich … ich glaube, das klingt seltsam. Ich dachte, ich hätte … Ihren Sohn im Fenster gesehen.“
Ihr Blick veränderte sich. Nicht überrascht. Angespannt. Es war, als hätte sie diesen Satz schon einmal gehört. Sie wich einen Schritt zurück.
„Komm herein“, sagte sie leise.
Ich betrat ein Haus, das unserem seltsam ähnlich sah. Derselbe Grundriss. Dieselbe Treppe. Nur die Atmosphäre war anders. Schwerer. Als hätte sich auch hier Traurigkeit eingenistet und wollte nicht mehr gehen.
„Ich heiße Hana“, sagte sie. „Und mein Sohn … er heißt Daniel.“
Aus dem Obergeschoss drang ein Lachen. Kindlich. Klar. Der Klang traf mich wie ein Schlag. Denn das Lachen … war fast dasselbe wie Lucas’.
Hana bemerkte, wie ich blass wurde, und fügte schnell hinzu: „Bitte. Ich weiß, es muss furchtbar sein. Aber er ist es nicht.“
Ich nickte. Mit dem Verstand. Aber mein Herz wehrte sich.
„Mein Sohn ist adoptiert“, fuhr sie fort. „Vor einem Monat. Aus einem Waisenhaus.“
Vor einem Monat.
Ich setzte mich, weil meine Beine mir nicht mehr gehorchten. „Unser Lucas …“, meine Stimme versagte, „… ist vor einem Monat gestorben.“
Die Stille zwischen uns war dicht. Hana setzte sich mir gegenüber. Sie schwieg lange, dann holte sie tief Luft.
„Daniel hat einen Bruder“, sagte sie langsam. „Einen Zwilling. Sie wurden als Babys getrennt. Einer blieb bei seiner leiblichen Familie. Der andere kam in die Obhut des Jugendamtes. Wir haben nie erfahren, was mit dem anderen passiert ist.“

Die Welt brach unter meinen Händen zusammen.
„Das ist unmöglich“, flüsterte ich. „Lucas hatte keinen Bruder.“
„Bist du sicher?“, fragte sie vorsichtig.
Ich wollte Ja sagen. Natürlich. Doch plötzlich schossen mir Dinge durch den Kopf, über die wir nie gesprochen hatten. Eine Schwangerschaft, über die man selten sprach. Eine komplizierte Geburt. Tage auf der Neugeborenen-Intensivstation. Medizinische Fachbegriffe, die ich damals nicht verstand.
„Mein Mann ist nicht da“, fuhr Hana fort. „Aber ich habe die Unterlagen. Wenn du willst …“
Ich wollte weglaufen. Die Augen schließen. Alles vergessen. Aber der Gedanke an Ella, die behauptete, Lucas vom Fenster aus winken gesehen zu haben, hielt mich zurück.
Daniel erschien in der Tür.
Er war es.
Dieselbe Nase. Dieselben Augen. Dieselbe Art, wie er sich auf die Unterlippe biss, wenn er unsicher war. Nur etwas dünner. Und am Leben.
„Mama?“, sagte er zu Hana. Dann sah er mich an. „Hallo.“
Ich sagte kein Wort. Tränen strömten mir unaufhaltsam über die Wangen. Nicht, weil ich dachte, mein Sohn sei zurückgekehrt. Sondern weil ich plötzlich einen Teil von ihm sah. Einen Teil, der die Welt nicht zerstört hatte.
Daniel sah Hana an. „Ist das die Frau gegenüber? Das kleine Mädchen winkt mir zu.“
Ich hielt den Atem an.
„Meine Tochter“, flüsterte ich. „Ella.“
Die folgenden Wochen waren voller Fragen. Untersuchungen. Telefonate. Wahrheiten, die besser verborgen geblieben wären. Es stellte sich heraus, dass bei der komplizierten Geburt ein Fehler passiert war. Zwei Familien. Zwei Babys. Eine Entscheidung, die uns damals niemand erklärte. Lucas hatte einen Zwillingsbruder. Und wir wussten nie von ihm.
Daniel war nicht Lucas. Das würde er nie sein. Aber er war sein Bruder.
Wir haben Ella langsam an die Wahrheit herangeführt. Als sie Daniel zum ersten Mal umarmte, sagte sie nur: „Er riecht ein bisschen anders. Aber er hat dieselben Augen.“
Ich habe meinen Sohn nicht zurückbekommen. Ich hätte es nie gewagt, das zu sagen. Aber ich habe die Leere verloren, die mich jeden Tag erdrückt hat.
Heute winken sich die Kinder aus den Fenstern zu. Manchmal sind sie zusammen im Garten. Manchmal schauen sie einfach nur zu.
Und ich habe eines gelernt, was mir der Schmerz unmissverständlich klargemacht hat:
Liebe teilt man nicht.
Sie breitet sich aus.