Vor einem Monat verloren wir unseren Sohn Lucas. Er war acht Jahre alt. Er wurde auf dem Heimweg von der Schule mit dem Fahrrad von einem Auto erfasst. Ein ganz normaler Weg. Ein einziger Augenblick. Und die Welt, wie wir sie kannten, brach zusammen.

Seit diesem Tag lebe ich in einem Haus, das kein Zuhause mehr ist. Es ist voll von Dingen, die an ihrem Platz geblieben sind, als warteten sie auf die Rückkehr ihres Besitzers. Lucas’ Schuhe stehen an der Tür. Sein Rucksack hängt an einem Haken. Sein Zimmer ist still, aber nicht leer. Es ist leer in mir.

Jeden Morgen stehe ich wie von selbst auf. Ich atme, ich koche, ich rede. Aber nichts davon ist real. Nur der Druck in meiner Brust, der mich nicht loslässt, ist real. Die Stille nach seinem Lachen ist real.

Wir sind nur noch zu dritt. Ich, mein Mann und unsere fünfjährige Tochter Ella. Sie ist alles, was mir geblieben ist. Und doch habe ich Angst, zu laut zu atmen, aus Furcht, auch das zu verlieren.

Eines Nachmittags saß Ella am Küchentisch und zeichnete. Die Buntstifte glitten langsam und konzentriert über das Papier. Sie war ungewöhnlich still.

Dann sagte sie, ohne mich anzusehen:

„Mama, ich habe Lucas durchs Fenster gesehen.“

Ich erstarrte.

„Was?“, fragte ich zu schnell.

„Das Haus gegenüber“, fuhr sie ruhig fort. „Manchmal ist er da. Er steht am Fenster. Er winkt mir zu.“

In diesem Moment zog sich mein Magen zusammen. Ich versuchte, normal zu atmen. Ich redete mir ein, es sei nur Traurigkeit. Ein Kind, das Trost sucht. Eine Fantasie, die versucht, eine Leere zu füllen, die es nicht mehr begreifen kann.

„Du vermisst ihn bestimmt sehr“, sagte ich und strich ihr über die Haare.

Sie sah mich nicht an. Sie nickte nur.

Später bemerkte ich ihre Zeichnung. Es war ein Haus. Und im Fenster stand ein Junge. Er hatte kurze Haare, ein blaues T-Shirt und eine erhobene Hand. Genau wie Lucas gewunken hatte, als er von der Schule nach Hause kam und mich am Fenster bemerkte.

Mir sank das Herz so tief, dass ich die Zeitung zurück auf den Tisch legen musste.

An diesem Abend saß ich bis spät in die Nacht am Fenster. Ich schaute zum Haus gegenüber. Die Lichter gingen langsam aus. Die Fenster waren leer. Niemand war da.

Ich redete mir ein, dass es nichts zu bedeuten hatte. Dass Traurigkeit Bilder erzeugen konnte, die realer erschienen als die Wirklichkeit selbst.

Am nächsten Morgen ging ich mit dem Hund spazieren. Die Luft war kalt und die Straße fast menschenleer. Ich hatte nicht die Absicht, das Haus anzusehen. Ich hätte schwören können, dass ich es meiden wollte.

Doch mein Blick wanderte wie von selbst dorthin.

Und in diesem Moment erstarrte ich.

Da stand ein Junge. Im Fenster. Er sah mich direkt an.

Er sah Lucas zum Verwechseln ähnlich.

Dieselbe Größe. Dieselbe Gesichtsform. Dieselbe Frisur, die er sich nie richtig kämmte. Sogar seine leicht schiefe Haltung, als er versuchte, jemanden zu erkennen.

Mein Herz hämmerte so laut, dass ich dachte, die ganze Nachbarschaft müsste es hören.

Er hob die Hand.

Und dann knallten die Vorhänge zu.

Ich stand auf dem Bürgersteig, unfähig mich zu bewegen. Der Hund zerrte an der Leine, aber ich spürte ihn nicht. Die Welt um mich herum verschwamm.

Was ich sah, war unmöglich.

Ich hatte den ganzen Tag geträumt. Ich hatte es meinem Mann nicht erzählt. Ich hatte es Ella nicht erzählt. Ich wusste nicht, wie man so etwas beschreiben sollte.

Ich konnte nachts nicht schlafen. Ich lauschte jedem Geräusch im Haus. Jedem Knacken. Jedem Atemzug. Und Ellas Worte hallten immer wieder in meinem Kopf wider: „Manchmal ist er da.“

Am nächsten Tag beschloss ich, die Wahrheit herauszufinden. Nicht, weil ich an ein Wunder glauben wollte. Sondern weil ich endlich aufhören musste, verrückt zu werden.

Ich klopfte an die Tür des Hauses gegenüber.

Eine ältere Frau öffnete. Sie sah müde aus. Überrascht.

„Entschuldigen Sie“, begann ich mit zitternder Stimme. „Ich wollte nur fragen … haben Sie ein Kind, das bei Ihnen wohnt?“

Sie zögerte. Dann nickte sie langsam.

„Mein Enkel“, sagte sie. „Er ist vor Kurzem bei mir eingezogen.“

„Wie heißt er?“, fragte ich.

Sie sah mir direkt in die Augen.

„Liam.“

Sie deutete den Flur entlang.

„Er sieht aus wie Ihr Sohn, nicht wahr? Sie sind schon der Zweite heute, der das sagt.“

Ich wusste keine Antwort.

Als ich ging, wurde mir eines klar: Was Ella gesehen hatte, war kein Geist. Es war nicht die Rückkehr eines toten Kindes. Es war ein Bild, in das sie ihren Schmerz projiziert hatte.

Aber ich verstand auch noch etwas anderes.

Trauer nimmt manchmal fremde Gesichter an, um atmen zu können.

Und wir müssen lernen, damit zu leben. Nicht, weil wir vergessen wollen. Sondern weil die Welt selbst nach dem größten Verlust einen Weg findet, weiterzugehen.

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