Der Wecker klingelte früher als sonst. Ein scharfer, unerbittlicher Ton zerriss die Morgenstille. Ich griff danach, schaltete ihn aus und drehte mich automatisch auf die andere Seite des Bettes. Die Laken waren kalt. Leer.
Zuerst dachte ich, Michael sei unter der Dusche. Doch die Wohnung war unheimlich still. Kein Wasserrauschen. Keine Stimme. Kein „Guten Morgen“, das er sonst immer sagte, obwohl wir uns in den letzten Monaten kaum in die Augen geschaut hatten.
Unsere Tochter Sofia schlief noch. Ich sollte sie in einer halben Stunde für die Schule wecken. Ich schlüpfte in meinen Bademantel und ging in die Küche. Der Wasserkocher klickte, sobald ich ihn einschaltete. Automatisch öffnete ich meine E-Mails. Zwischen Werbung und unerwünschten Angeboten entdeckte ich eine Nachricht meiner Bank.
Ich weiß nicht warum, aber in diesem Moment zog sich mein Magen zusammen.
„Sehr geehrte Frau Wilson,
heute wurde eine Transaktion auf Ihr Sparkonto getätigt.“
Ich hielt den Atem an.
Ich hatte dieses Konto erst vor drei Jahren eröffnet. Jeder einzelne Dollar darauf war für einen Zweck bestimmt – die Operation unserer Tochter. Eine Operation, ohne die Sofia niemals ein normales Leben führen könnte. Ich hatte heimlich für sie gespart und auf Urlaube, neue Kleidung, einfach alles verzichtet.
Ich öffnete die Banking-App. Meine Hände zitterten so stark, dass ich mehrmals das falsche Passwort eingab.
Kontostand: 0.
Ich sah noch einmal nach. Und noch einmal. Die Transaktionshistorie war unerbittlich. Eine einzige Überweisung. Ein einziger Empfänger. Der gesamte Betrag. Achtundfünfzigtausend Dollar. Jeder Cent.
Ich rief den Kundenservice an. Die Stimme der Mitarbeiterin war ruhig, professionell, fast teilnahmslos.

„Die Transaktion wurde per SMS autorisiert. Der Empfänger ist Michael Wilson. Kennen Sie ihn?“
Meine Welt brach zusammen.
Michael. Mein Mann.
Und dann fiel mir ein Detail auf, das mich wie ein Schlag traf. Das Konto, auf das das Geld überwiesen wurde, war mit der Karte seiner Mutter Evelyn verknüpft. Ich erkannte die letzten vier Ziffern. Ich hatte ihr vor einem Jahr selbst beim Einrichten des Online-Bankings geholfen.
Ich legte auf und rief ihn sofort an. Das Telefon klingelte. Niemand ging ran. Ich rief erneut an. Nichts. Ich versuchte es bei seiner Mutter. Dieselbe Stille.
Ich rannte ins Schlafzimmer. Der Kleiderschrank war offen. Michaels Pass war weg. Seine Kreditkarte war weg. Sein Handy fehlte auf dem Nachttisch.
In diesem Moment erhielt ich eine weitere Nachricht.
„Vielen Dank für Ihren Kauf. Elektronische Tickets – Business Class. Reiseziel: Malé, Malediven. Abflug heute um 12:40 Uhr.“
Der Wasserkocher schaltete sich von selbst aus. Das Klicken war wie ein Punkt nach einem Satz, den ich nicht aussprechen wollte.
Michael ging. Er nahm das Geld mit, das die Zukunft unserer Tochter bedeutete. Und er nahm seine Mutter mit.
Ich saß auf dem kalten Küchenboden und hörte zu, wie Sofie in ihrem Zimmer aufwachte. Sie summte leise vor sich hin, ahnungslos, dass ihr gerade jemand die Chance auf ein gesundes Leben geraubt hatte.
Aber damit war die Sache noch nicht erledigt.
Ich handelte sofort. Ich rief einen Anwalt an. Ich erstattete Anzeige wegen Diebstahls. Ich übergab der Bank alle Beweise. Ich erstattete Strafanzeige. Und dann tat ich noch etwas, womit Michael nicht gerechnet hatte.
Ich kontaktierte die Fluggesellschaft, die Versicherung und die Ausländerbehörde. Die Überweisung war zwar genehmigt, aber das Geld stammte von einem Konto, das für die medizinische Versorgung des Kindes bestimmt war. Die Dokumentation war eindeutig. Ärztliche Berichte. Kontoauszüge. Jede einzelne Überweisung.
Ich schlief zehn Tage lang kaum.
Und dann klingelte mein Telefon.
Ihr Flugzeug war gerade gelandet.
Am Flughafen warteten Beamte, Anwälte und Bankvertreter auf sie. Michael wurde direkt an der Passkontrolle aufgehalten. Das Konto seiner Mutter wurde gesperrt. Das Geld wurde als Beweismittel beschlagnahmt. Ihr „Traumurlaub“ endete in einem Zimmer ohne Fenster und ohne Meerblick.
Als Michael mich später von der Polizeiwache anrief, klang seine Stimme nicht mehr selbstsicher. Zum ersten Mal klang sie ängstlich.
„Anna, bitte … wir müssen reden.“
Ich legte auf.
Denn manche Gespräche kommen zu spät.
Und manchmal ist die größte Überraschung, dass Gerechtigkeit zwar langsam kommt, aber wenn sie dann da ist, schmerzt sie mehr als jeder Verrat.