Die Stille nach ihrem Flüstern war schlimmer als das Geräusch selbst.

„Hallo?“, wiederholte sie, diesmal leiser.

Etwas bewegte sich zwischen den Olivenbäumen. Nicht schnell. Eher wie jemand, der keine Kraft mehr zum Laufen hatte. Der Wind fegte eine Schicht trockenen Staubs beiseite – und da sah sie es.

Eine Hand.

Schmutzig, zerfetzt, zitternd.

Der Sack glitt ihr aus den Fingern. Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie kaum noch ein Stöhnen hörte. Sie machte einen Schritt vorwärts, dann noch einen. Ihre Knie gaben nach, als sie den ganzen Körper sah.

Der Mann war halb im Dreck vergraben, als wollte er sich vor der Welt verstecken. Sein Mantel war zerrissen, sein Hemd getränkt mit Blut und Staub. Aber das war nicht das, was ihr den Atem raubte.

Unter seiner Brust, in zerrissenes Tuch gehüllt, lagen drei winzige Körper.

Drillinge.

Lebendig.

Sie wimmerte leise, an seine Brust gepresst, sein flacher, unregelmäßiger Atem ging schneller.

„Gott …“, hauchte sie.

Der Mann öffnete die Augen.

Sie erkannte ihn sofort.

Das Gesicht, das sie vor drei Tagen während der Live-Übertragung auf den Großbildschirmen gesehen hatte. Man hatte gesagt, er sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Alle weinten. Die Medien wiederholten seinen Namen.

Alexander Whitmore.

Erbe eines Imperiums. Offiziell tot.

Seine Lippen bewegten sich. „Kein … Unfall“, krächzte er.

Sie kniete sich neben ihn. „Sag nichts. Ich hole Hilfe.“

Seine Finger umklammerten ihre Handgelenke überraschend fest.

„Nicht die Polizei“, flüsterte er. „Sie … hat es getan.“

Der Boden gab unter ihren Füßen nach.

„Eleanor?“, hauchte sie.

Der Mann nickte, kaum merklich. Jeder Atemzug war ein Kampf.

„Die Bremsen … waren kein Unfall. Die Dokumente … im Safe. Die Kinder … sind nicht ihre.“

Die Stimmung zwischen ihnen wurde bedrückend.

„Was meinst du?“, fragte sie mit zitternder Stimme.

Er schloss die Augen, als wolle er seine letzten Kräfte sammeln.

„Leihmutterschaftsverträge. Geheim. Wenn ich sterbe … geht alles an sie. Aber nur, wenn es keine Erben gibt.“ Ihm stockte der Atem. „Sie wusste nicht … dass ich sie schon vorher übertragen ließ.“

Der plötzliche Tod war nicht nur eine Tragödie.

Er war eine Bedingung.

Wenn er tatsächlich ohne offiziell anerkannte Nachkommen starb, würde das gesamte Imperium an seine Frau fallen. Und sie hatte vor laufenden Kameras bereits die Rolle der verzweifelten Witwe gespielt.

„Du musst durchhalten“, flüsterte das Dienstmädchen. „Bitte.“

Eines der Kinder weinte leise. Instinktiv deckte sie es mit ihrem Mantel zu.

„Hör mir zu“, flüsterte er. „In meiner Tasche … der Schlüssel. Das Schließfach. Der Name des Anwalts ist Daniel Ruiz. Nur für ihn. Niemand sonst.“

Sein Blick verfinsterte sich erneut. Angst lag darin – nicht um sich selbst.

Um sie.

„Versprich es mir.“

Sie schluckte.

Hinter ihr erklang wieder Musik im Haus. Das gedämpfte Lachen der feinen Gesellschaft hallte durch die Nacht, als wäre die Welt in bester Ordnung.

„Ich verspreche es“, sagte sie bestimmt.

In der Ferne gingen die Scheinwerfer eines Autos an. Die Wachen.

Sie musste handeln.

Sie zog ihr Handy heraus – nicht um die Polizei zu rufen, sondern um die Hebamme aus einem nahegelegenen Dorf anzurufen, der sie einst geholfen hatte. Eine Frau, die keine Fragen stellte.

Dann begann sie, mit bloßen Händen Erde zu schaufeln, um ihn zu befreien.

„Halt durch“, flüsterte sie, obwohl sie nicht wusste, ob er sie noch hören konnte.

Die Musik aus dem Haus wurde lauter. Gläser klirrten. Der Abend ging weiter.

Doch draußen, zwischen den Olivenbäumen, lag die Wahrheit, die den Namen Whitmore an einem einzigen Morgen auslöschen konnte – und enthüllen würde, dass der „Tod“ des Milliardärs nicht das Ende war.

Es war der Beginn eines Krieges.

Und die einzige Zeugin war eine Frau, deren Namen keiner der Gäste kannte.

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