Der Tod eines Kindes bedeutet nicht nur Verlust. Er bedeutet das Ende der Zeit. Die Tage nach der Beerdigung unserer fünfzehnjährigen Tochter verschwammen zu einem formlosen Nebel. Ich konnte mich nicht erinnern, wer gekommen und gegangen war, was irgendjemand zu mir gesagt hatte. Ich sah nur einen weißen Sarg und spürte eine Leere, die keine Worte füllen konnten.
Mein Mann verhielt sich anders. Kalt. Kurz angebunden. Gleich am nächsten Tag, nachdem wir vom Friedhof zurückkamen, wiederholte er immer wieder dasselbe: Wir müssten ihr Zimmer ausräumen, ihre Sachen wegwerfen, alles loswerden, was uns an sie erinnerte. Sonst würden wir nie darüber hinwegkommen, sagte er.
Ich verstand ihn nicht. Alles an ihr war für mich der Beweis, dass sie existiert hatte. Ihre Kleidung, ihre Notizbücher, die kleinen Dinge auf dem Tisch. Sogar das ungemachte Bett. Alles wegzuwerfen hieße, zu leugnen, dass sie Teil unseres Lebens gewesen war.
Fast einen Monat lang mied ich ihr Zimmer. Ich ging an der geschlossenen Tür vorbei und spürte, wie sie mir die Kehle zuschnürte. Mein Mann wurde immer drängender. Jeden Tag erinnerte er mich daran, dass wir so nicht weiterleben konnten. Dass ich in der Vergangenheit ertrank.
Eines Nachmittags, als er nicht da war, fasste ich einen Entschluss.
Ich öffnete die Tür und fühlte mich wie in die Vergangenheit zurückversetzt. Alles war genau so, wie sie es verlassen hatte. Die Tagesdecke lag auf dem Bett, ein offenes Notizbuch auf dem Tisch. Ein Hauch ihres Parfums hing noch in der Luft. Dieser Moment war unerträglich.
Ich begann langsam aufzuräumen. Nicht, weil ich wollte. Sondern weil ich keine Kraft mehr zum Kämpfen hatte. Ich nahm jeden einzelnen Gegenstand in die Hand, drückte ihn fest an mich und weinte. Haargummis. Ihr Sweatshirt von zu Hause. Ein Buch mit geknickten Ecken.
Als ich eines der Bücher hochhob, fiel ein kleines, gefaltetes Stück Papier heraus.

Ich erkannte sofort ihre Handschrift. Mein Herz raste so heftig, dass ich mich im Bett aufsetzen musste. Ich faltete den Zettel auseinander und las:
„Mama, wenn du das liest, bedeutet es, dass ich nicht mehr lebe. Schau unter das Bett. Dann wirst du es verstehen.“
Ich las die Worte immer und immer wieder. Sie ergaben keinen Sinn. Warum sollte sie mir so etwas schreiben? Was sollte ich daraus schließen? Und vor allem – wann hatte sie diese Nachricht geschrieben?
Ich saß minutenlang da und umklammerte den Zettel. Ich hatte Angst, aber auch ein seltsames Gefühl, etwas näherzukommen, das ich noch nie zuvor gesehen hatte.
Schließlich beugte ich mich langsam hinunter und schaute unter das Bett.
Was ich dort fand, verschlug mir den Atem.
Da war eine Schachtel. Sorgfältig versteckt, staubig, offensichtlich alt. Als ich sie herauszog, war sie verschlossen. Daneben klebte ein Schlüssel an der Unterseite des Bettes.
Meine Hände zitterten, als ich die Schachtel öffnete.
Darin waren Tagebücher. Briefe. Und ein Telefon.
Ein altes Telefon, das ich noch nie gesehen hatte.
Ich begann, die Tagebücher zu lesen. Seite für Seite entfaltete sich vor mir ein Leben, von dem meine Tochter nichts gewusst hatte. Sie schrieb über Angst. Über Druck. Darüber, sich zu Hause nicht sicher zu fühlen. Über Streitereien, die ich mitbekommen, aber nicht verstehen wollte.
Und dann stieß ich auf den Namen meines Mannes.
Die Notizen wurden immer verzweifelter. Sie schrieb, dass sie Angst hatte, die Wahrheit zu sagen. Dass ihr niemand glauben würde. Dass man sie zum Schweigen brachte. Dass sie bedroht worden war, als sie versucht hatte, etwas zu sagen.
Auf dem Telefon waren Aufnahmen. Sprachnachrichten. Alle mit derselben Stimme. Seiner Stimme.
Ich saß auf dem Boden ihres Zimmers, die Welt um mich herum brach zusammen. Plötzlich begriff ich, warum mein Mann es so eilig hatte, aufzuräumen. Warum er wollte, dass ich diese Dinge wegwarf. Es ging nicht um Heilung. Es ging darum, meine Spuren zu verwischen.
Ich räumte mein Zimmer an diesem Tag nicht auf.
Ich schloss die Schachtel, nahm sie mit und verließ das Haus. Ich kehrte nie als Ehefrau zurück.
Manche Botschaften sollen nicht trösten. Sie sind Warnungen. Und manchmal kommen sie zu spät – aber immer noch rechtzeitig, um die Wahrheit zu retten.