Und in diesen zehn Minuten wurde ich zu einer völlig anderen Frau.
Der Ballsaal des Hotels wirkte wie aus einem Märchen. Kristalllüster tauchten ein Meer aus weißen Hortensien, importiert aus Holland und mit fast unnatürlicher Perfektion arrangiert, in ein schillerndes Licht. Jedes Detail war durchdacht, bezahlt und genehmigt worden. Emily Sterlings und Brandon Millers Hochzeit sollte das Ereignis des Jahres werden.
Ich stand im Badezimmer einer privaten Suite, in einem Kleid, das in Frankreich handgenäht worden war. In meinen Händen hielt ich ein Diamantdiadem, dessen Preis alles überstieg, was ich je für angemessen gehalten hatte. In zehn Minuten würde ich Mrs. Miller sein. Die Frau des Mannes, den alle für ideal hielten. Und auch die offizielle Stieftochter von Patricia Miller – der Frau, die zwei Jahre lang meine Mutter gewesen war und viel zu früh von uns gegangen war.
Ich war nervös, aber glücklich. Dachte ich zumindest.
Die schwere Marmortür knarrte leise. Instinktiv zog ich mich in die hinterste Toilettenkabine zurück, nur um noch ein paar Sekunden Ruhe zu haben. Ich musste durchatmen. Ich musste mich beruhigen.
Chloe kam herein. Brandons jüngere Schwester. Meine zukünftige Brautjungfer. Unbeschwert, wunderschön, immer einen Schritt voraus. Sie bemerkte mich nicht. Sie holte ihr Handy heraus, schaltete auf Lautsprecher und setzte sich aufs Regal, während sie gedankenverloren ihren Lippenstift nachzog.
„Mama, die Band fängt gleich an“, sagte sie beiläufig.
Die Stimme, die sie hörte, ließ mir sofort den Magen zusammenkrampfen.
Patricia.
Aber nicht die Patricia, die ich kannte. Sie war nicht warmherzig, nicht freundlich. Alles Sanfte war aus ihrer Stimme verschwunden. Nur Kälte, Verachtung und Triumphgefühl waren geblieben.
„Ich komme“, lachte sie. „Ich trinke gerade meinen Champagner aus.“
Dann kamen die Worte, die meine Welt in zwei Hälften spalteten.

„Hat diese kleine Idiotin den Ehevertrag richtig unterschrieben? Ich habe es satt, die perfekte Schwiegermutter zu spielen. Mir tut das Gesicht weh vom ständigen Lächeln für ihren lächerlichen Vater.“
Ich hielt mir die Hand vor den Mund, um nicht loszuschreien. Mein Herz hämmerte so laut, dass ich Angst hatte, sie würde mich hören.
Chloe lachte. Ehrlich. Grausam.
„Keine Sorge, Mom. Sobald sie Ja sagt, ist die Ehe offiziell. Das Vertrauen gehört uns.“
Patricias Stimme wurde noch härter.
„Hör gut zu. Ich werde ihr direkt nach der Feier die Kreditkarte sperren. Sie soll mal verstehen, was es heißt, eine Ehefrau in MEINEM Haus zu sein. Denkt sie etwa, sie lebt wie eine Königin? Lächerlich. Um fünf aufstehen, Frühstück fertig, das Haus perfekt. Ich werde ihr diese verwöhnte Art austreiben.“
„Weiß Brandon davon?“, fragte Chloe.
„Brandon hat den Plan ausgeheckt“, antwortete Patricia ohne zu zögern. „Er kann es kaum erwarten, dass sie aufhört, so zu tun, als würde sie ihre kläglichen künstlerischen Versuche bewundern. Er will ihre Rechnungen, nicht ihre Meinung. Ich heirate keine Frau, Chloe. Sie ist die Gans, die goldene Eier legt. Und wir werden jedes Ei nehmen, das sie legt.“
Die Zeit schien stillzustehen.
Der Duft von Maiglöckchen, der mich eben noch beruhigt hatte, erinnerte mich nun an eine Beerdigung. In der Dunkelheit dieses kleinen Badezimmers war gerade ein Mädchen gestorben, das an Liebe, Familie und Neuanfänge geglaubt hatte.
Die Tränen blieben aus. Stattdessen breitete sich eine Ruhe in mir aus. Eisig, präzise, gefährlich.
Denn ich war nicht nur eine naive Verlobte.
Ich war Arthur Sterlings Tochter.
Der Mann, den Patricia verächtlich als „kleinlich“ bezeichnet hatte, war in Wirklichkeit einer der härtesten Finanzstrategen des Landes. Und da war eine Sache, die uns seit unserer Kindheit beigebracht wurde: Wenn jemand unfair spielt, muss man die Regeln ändern.
Ich nahm die Tiara, setzte sie wieder auf und holte mein Handy heraus. Eine einzige Nachricht. Drei Worte. Ein Code, den mein Vater und ich seit zehn Jahren nicht mehr benutzt hatten.
Die Antwort kam innerhalb von zwanzig Sekunden.
Acht Minuten vor der Zeremonie kam ich lächelnd aus dem Badezimmer. Ruhig. Schön. Vorbereitet.
Die Zeremonie verlief perfekt. Ich sagte Ja. Brandon lächelte triumphierend. Patricia drückte meine Hände und flüsterte mir liebevolle Worte zu.
Sie ahnten nicht, dass in diesem Moment ihre Konten eingefroren worden waren. Dass der Treuhandfonds, von dem sie sprachen, eine Schutzklausel enthielt, die sie übersehen hatten. Dass der „Verzicht“ nur gültig war, wenn er in gutem Glauben abgegeben wurde. Und dass die Aufzeichnung ihres Gesprächs nun sicher bei meinem Anwalt verwahrt wurde.
Ich tanzte auf dem Empfang. Sie lachte. Und beobachtete, wie sich Patricias Gesichtsausdruck allmählich veränderte, als ihr Handy in ihrer Handtasche vibrierte.
Sie ging, ohne sich zu verabschieden.
Ich packte noch in derselben Nacht meine Sachen. Brandon kehrte in eine leere Suite zurück. Keine Karten. Kein Zugang. Keine Frau.
Die Scheidung hielt nicht lange.
Denn manchmal kommt die Wahrheit erst im letzten Moment ans Licht.
Und manchmal rettet sie einem das ganze Leben.