Er lag auf der Seite, den Kopf in der Hand gestützt, die Augen geschlossen. Das Meer glitzerte träge, und die Welt schien einfach. Seine Geliebte lag neben ihm. Ihre Sonnenbrille verdeckte ihre Augen, ihre Haut glänzte vom Sonnencreme, und ein leichtes, selbstsicheres Lächeln lag auf ihren Lippen. Das Lächeln einer Frau, die glaubt, alles im Griff zu haben.
„Und deine Frau“, sagte sie spöttisch, ohne die Brille abzunehmen, „diese Hirnlose … weiß die denn gar nichts?“
Er lachte kurz und gleichgültig. „Nein. Geht sie nichts an.“
„Was meinst du mit ‚es interessiert sie nicht‘?“, fragte sie und legte den Kopf schief. „Sie ist zu Hause, nicht wahr? Du bist ja hier bei mir. Glaubst du wirklich, sie hat nichts bemerkt?“
Er wich zurück, als ob ihn die Frage ermüdete. „Dafür hat sie keine Zeit. Sie steckt immer im selben Trott fest. Kindergarten, Hausaufgaben, Kochen, Wäsche waschen. Sie denkt, das ist das Leben. Und dass es uns beiden gut geht.“
Die Geliebte lachte leise. „Praktisch. So eine Ehefrau ist ein Traum. Sie regelt alles selbst, und du hast deine Ruhe.“ Sie hielt kurz inne, nahm dann ihre Brille ab und sah ihm direkt in die Augen. „Also, wann lassen Sie sich endlich von ihr scheiden?“
Er wich dem Blick nicht aus. Er hatte diese Frage schon zu oft gehört. „Bald. Sehr bald.“
„Wie lange sagen Sie das schon?“, kicherte sie. „Ein Jahr? Zwei? Ich habe keine Zeit, ewig zu warten.“
Seine Stimme wurde härter. „Ich sagte doch, früh. Ich muss es richtig machen. Keine Skandale.“
Sie kniff die Augen zusammen. „Natürlich. Damit sie alles im Griff hat. Du weißt doch, dass sie dich nicht verlässt.“
Er wollte antworten, doch da blitzte eine Erinnerung in seinem Kopf auf. Seine Frau am Morgen, die Plastiktüten schnitten ihr in die Hände. Ein müder Blick. Ein schnelles Abendessen im Stehen. Einschlafen, bevor sie richtig ins Bett gehen konnte. Er war es gewohnt. Er hielt es für selbstverständlich.
„Ich hole Wasser“, sagte seine Geliebte fast zärtlich. „Ruhe dich jetzt aus.“
Sie ging in Richtung Café, und er blieb allein zurück. Minutenlang starrte er aufs Meer. Dann fiel sein Blick auf das Handy, das auf dem Handtuch lag.

Es vibrierte.
Eine Nachricht von seiner Frau.
Er zuckte nicht einmal zusammen. Er erwartete eine Klage, eine Bitte, eine Liste von Problemen. Er öffnete den Chat und sah ein einzelnes Foto.
Er klickte darauf.
Sein Herz sank. Das Foto zeigte ihn allein. Aber nicht am Strand. Das Foto zeigte ihn vor seinem Haus, in denselben Kleidern, die er an diesem Morgen bei seiner „Geschäftsreise“ getragen hatte. Seine Geliebte stand neben ihm und hielt seine Hand. Das Foto war scharf, klar und kein Irrtum.
Unter dem Foto stand eine kurze Bildunterschrift:
„Ich hoffe, es gefällt dir. Die Kinder sind bei meiner Schwester. Ich packe gerade.“
Er erstarrte. Seine Finger wurden weiß um das Handy. Er sah sich um, als erwarte er, beobachtet zu werden. In seinem Kopf brach Chaos aus. Woher wusste er das? Wer hatte das Foto gemacht? Wann?
Die Nachricht ging weiter:
„Ich habe lange geschwiegen. Ich habe lange alles allein getragen. Aber ich bin nicht dumm. Ich habe nur gewartet, bis ich mir sicher war. Jetzt bin ich es.“
Er spürte den Schweiß auf seinem Rücken. Er stützte sich auf die Ellbogen und schrieb schnell, radierte und schrieb neu. Bevor er etwas abschicken konnte, kam eine weitere Nachricht.
„Die Unterlagen sind zu Hause fertig. Der Anwalt weiß alles. Und ja – er hat auch die Fotos.“
Das Handy wäre ihm beinahe aus der Hand gefallen. In diesem Moment kam seine Geliebte mit einer Flasche Wasser zurück. Sie sah seinen Gesichtsausdruck und blieb stehen.
„Was ist los?“, fragte sie.
Er sah sie an, aber er brachte kein Wort heraus. Der ganze Frieden, die Leichtigkeit, das Gefühl der Kontrolle – alles war in Sekundenschnelle verflogen. Plötzlich begriff er etwas, das er jahrelang nicht wahrhaben wollte. Seine Frau war nicht schwach. Sie war geduldig. Und während er glaubte, ein Doppelleben ohne Folgen zu führen, sammelte sie Beweise und schöpfte Kraft.
Seine Geliebte riss ihm das Handy aus der Hand, überflog die Nachrichten und ihr Lächeln verschwand. „Also … das Ende?“, fragte sie kalt.
Er antwortete nicht. Er wusste, dass es schon lange vorbei war. Er wollte es nur nicht wahrhaben.
Während seine Frau zu Hause Familienfotos von den Wänden nahm und in Kisten packte, saß er am Strand und verspürte zum ersten Mal in seinem Leben echte Angst. Nicht davor, seine Frau zu verlieren, sondern davor, den Komfort zu verlieren, den er für selbstverständlich gehalten hatte.
Und dann begriff er, dass die Person, die er sein ganzes Leben lang unterschätzt hatte, von Anfang an alles fest in seinen Händen hielt.