Die Nachmittagssonne sank langsam dem Horizont entgegen, als die gebrechliche alte Frau den schmalen Schotterweg entlangging, der zu den stattlichen Häusern am Stadtrand führte.

Sie trug einen abgetragenen Mantel, der längst seine Farbe und Form verloren hatte, und umklammerte eine alte Segeltuchtasche. Jeder Schritt schmerzte, als würde ihr Körper sie an jedes einzelne Lebensjahr erinnern. Ihr Atem ging flach und unregelmäßig, und ihr Herz pochte dumpf in ihrer Brust.

Maria war siebzig Jahre alt. Und an diesem Tag beschloss sie, etwas zu tun, das ihr mehr weh tat als die Krankheit selbst – ihren einzigen Sohn um Hilfe zu bitten.

In ihrer Tasche befanden sich sorgfältig gefaltete Arztberichte, Briefmarken mit dem Diagnosestempel und eine kleine Handvoll Münzen. Sie hatte sie mehrmals gezählt. Es würde nicht einmal für die Hälfte der Medikamente reichen, die ihr die Ärzte verschrieben hatten, geschweige denn für den Eingriff, von dem sie mit vorsichtiger Ernsthaftigkeit gesprochen hatten. Sie hatten ihr gesagt, dass die Zeit gegen sie spiele. Dass sich ihr Zustand ohne Behandlung verschlimmern würde. Maria nickte nur stumm. Sie war es gewohnt zu schweigen.

Als sie das hohe Eisentor erreichte, blieb sie einen Moment stehen. Das Haus hinter ihr war groß, modern und von einem Garten umgeben, von dem sie nie zu träumen gewagt hatte. Hier wohnte Alex. Ihr Sohn. Derselbe Junge, für den sie einst die letzte Scheibe Brot halbiert und so getan hatte, als hätte sie schon gegessen. Der Junge, für den sie Tag und Nacht gearbeitet hatte, damit er lernen konnte, damit er nicht so arm leben musste wie sie.

Sie klingelte.

Eine Frau in einem eleganten Kleid, mit perfekt frisierten Haaren und einem Blick, der kälter war als das Metall des Tores, öffnete die Tür. Sofie, Alex’ Frau. Sie musterte Maria von Kopf bis Fuß, als stünde sie nicht vor der Mutter ihres Mannes, sondern vor einem unangenehmen Problem.

„Oh … Sie sind es“, sagte sie ohne Überraschung. „Warum kommen Sie?“

Maria senkte den Blick und begann leise zu erzählen. Von Ärzten. Von Medikamenten. Davon, dass sie Angst vor der Nacht hatte, weil ihr Herz dann am meisten schmerzte. Bevor sie ausreden konnte, drehte sich Sofie um und rief Alex an.

Er kam mit dem Telefon am Ohr heraus, nachdem er ein Arbeitsgespräch beendet hatte. Als er auflegte, seufzte er, als erwarte er eine unangenehme Verzögerung. Er hörte seiner Mutter zu, doch sein Gesichtsausdruck blieb ruhig, fast ausdruckslos.

„Mama, ich verstehe dich“, sagte er nach einem Moment. „Aber es sind wirklich schwere Zeiten. Du weißt ja, wie das ist. Hypothek, Arbeit …“

Maria nickte. Sie wollte ihn nicht belasten. Sie hoffte einfach nur.

Alex sah sich um, ging dann hinein und kam einen Augenblick später mit einer einfachen Plastiktüte zurück. Er reichte sie ihr, ohne ihr in die Augen zu sehen.

„Hier ist wenigstens etwas zu essen“, sagte er. „Ich helfe dir später. Und jetzt solltest du nach Hause gehen, es fängt an zu regnen.“

Das eiserne Tor schloss sich hinter ihr mit einem dumpfen, kalten Geräusch.

Plötzlich setzte heftiger Regen ein. Maria stand durchnässt auf dem Weg und drückte die Tüte an ihre Brust. Tränen vermischten sich mit dem Regen, doch ein schwaches Lächeln huschte über ihre Lippen.

„Es muss schwer für ihn sein“, flüsterte sie vor sich hin. „Hauptsache, er hat mich nicht völlig hilflos zurückgelassen.“

Langsam ging sie nach Hause. Als sie endlich ihre kleine Wohnung erreichte, war sie völlig erschöpft. Sie setzte sich an den Tisch, stellte die Tüte mit den Nudeln vor sich ab und wollte sie gerade wieder hinstellen, als sie bemerkte, dass sie ungewöhnlich schwer war.

Sie löste den Knoten.

Sie hielt den Atem an.

In der Tüte, zwischen den Nudelpackungen, lagen sorgfältig gefaltete Geldscheine. Viele Geldscheine. Genau so viele, wie sie für die Medikamente und den Eingriff brauchte. Und dazwischen ein kleiner Zettel, in Alex’ Handschrift:

„Tut mir leid, Mama. Ich wollte nicht, dass Sofia das sieht. Nimm das. Werd schnell wieder gesund.“

Maria lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Ihre Hände zitterten. Tränen rannen ihr über die Wangen, doch diesmal waren es keine Tränen des Schmerzes. Es waren Tränen der Erleichterung, der Dankbarkeit und der Liebe.

An diesem Abend nahm sie zum ersten Mal seit Langem ihre Medikamente, ohne Angst zu haben, am nächsten Tag nicht genug für die nächste Dosis zu haben. Und sie verstand eines: Manchmal spricht die Liebe nicht laut. Manchmal versteckt sie sich dort, wo wir sie nicht vermuten – wie in einer gewöhnlichen Tüte Nudeln.

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