Sie war acht Jahre alt und schlief allein. Sie hatte immer allein geschlafen. Nicht, weil ich eine gefühlskalte Mutter war, sondern weil ich an Grenzen glaubte, die einem Kind Sicherheit und Unabhängigkeit geben. Seit dem Kindergarten hatte sie ihr eigenes Zimmer. Und es war perfekt.

Ein großes Bett mit hölzernem Kopfteil, eine sorgfältig ausgewählte Matratze, die ihren wachsenden Körper stützte. Regale voller Comics, Märchen und Abenteuerbücher, die sie liebte. Stofftiere ordentlich an der Wand aufgereiht, kein Chaos, keine Schatten. Ein kleines Nachtlicht in warmem Licht, das die Dunkelheit in Frieden verwandelte.

Jede Nacht das gleiche Ritual. Eine Geschichte, ein Kuss auf die Stirn, „Gute Nacht, Mama“, und dann schlief sie ein. Emily weinte nie, hatte nie Angst, rief mich nie zurück. Sie war das ruhige, gelassene kleine Mädchen, bei dem man glaubt, alles im Griff zu haben.

Bis zu jenem Morgen.

Ich stand in der Küche und briet Eier, als sie sich an mich heranschlich. Ihr Haar war zerzaust, ihre Augen halb geschlossen, ihr Körper noch warm vom Schlaf. Sie legte ihren Arm um meine Taille und drückte ihr Gesicht an meine Hüfte. Sie flüsterte, dass sie schlecht geschlafen hatte.

Ich fragte, warum. Sie schwieg einen Moment. Dann sagte sie etwas, das mir absurd vorkam: Ihr Bett sei zu klein.

Ich lächelte. Ich erklärte ihr, dass ihr Bett fast 60 Zentimeter länger sei, als sie bräuchte. Dass Kuscheltiere nicht so viel Platz nähmen. Sie nickte, bestand aber darauf, dass sie gestern Abend alles aufgeräumt hatte. Ich strich ihr über das Haar und schob es auf die Fantasie eines Kindes.

Aber am nächsten Morgen tat sie es wieder.

Und noch einmal.

Und noch einmal.

Jeden Tag dasselbe. Schlechter Schlaf. Das Gefühl, an den Rand gedrängt zu werden. Das Gefühl, nirgendwohin zu können.

Nach einer Woche stellte sie mir eine Frage, die mir ein flaues Gefühl im Magen bereitete. Sie fragte, ob ich sie nachts besucht hätte. Ich zog sie näher an mich heran, sah ihr in die Augen und sagte Nein. Sie zögerte. Dann flüsterte sie, dass sie das Gefühl hatte, jemand schliefe neben ihr.

Ich lächelte. Ich sagte, es sei nur ein Traum. Doch dann platzte etwas in mir. In dieser Nacht schlief ich ein, wachte aber zum ersten Mal mehrmals auf, ohne zu wissen, warum.

Zuerst versuchte ich, rational zu sein. Albträume. Fantasie. Eine Übergangsphase. Aber die Angst in ihren Augen war echt. Ich sprach mit meinem Mann Daniel darüber. Er war Chirurg, gewohnt an Fakten, Blut, die Realität. Er meinte, ich übertreibe. Kinder würden sich Geschichten ausdenken. Ich widersprach nicht.

Stattdessen kaufte ich eine kleine Kamera. Unauffällig, leise, mit Nachtsicht. Ich montierte sie in der Ecke der Zimmerdecke in Emilys Zimmer. Nicht um sie zu beobachten, sondern um mich zu beruhigen.

Die erste Nacht verlief ruhig. Emily schlief, das Bett war leer, nichts bewegte sich. Ich war erleichtert.

In der zweiten Nacht, um zwei Uhr morgens, wachte ich durstig auf. Ich ging ins Wohnzimmer, trank etwas Wasser und öffnete fast automatisch die Kamera-App. Nur kurz. Nur um sicherzugehen.

Und dann erstarrte ich.

Das Bild war schwarz-weiß, körnig, typisch für den Nachtmodus. Emily lag auf der Seite, zugedeckt mit einer Decke. Aber sie war nicht allein.

Neben ihr war ein Abdruck.

Die Matratze hing durch, als läge noch jemand darauf. Die Decke hob sich leicht, nicht im Takt mit ihrem Atem. Und dann sah ich es. Einen Schatten. Nicht scharf, aber eindeutig menschlich. Ein Kopf, der ihrem zu nah war. Ein Arm, der sich nicht bewegte, aber er war da.

Ich konnte kein Gesicht erkennen. Nur eine Gestalt. Und das genügte.

Die Kamera hatte keine Bewegung eingefangen, kein Öffnen der Tür. Nur eine Präsenz. Etwas, das mit ihr im Bett lag. Etwas, das Raum einnahm.

Ich fing an zu weinen. Nicht hysterisch. Leise, still, die Hand vor dem Mund, um nicht zu schreien. Da begriff ich, dass Emily nicht gelogen hatte. Ihr Bett war nicht klein. Es war voll.

Ich wartete nicht bis zum Morgen. Ich ging in ihr Zimmer. Sobald ich die Tür öffnete, war der Druck weg. Die Matratze glättete sich. Emily schlief friedlich, allein.

Nach dieser Nacht schlief Emily nie wieder allein. Und die Kamera war weg. Manche Beweise müssen nicht aufbewahrt werden. Es genügt zu wissen, dass sie existieren.

Und manchmal, wenn ich nachts ihre Hand halte, spüre ich, wie sich der Raum um uns herum wieder leicht wölbt.

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