Der Fischer dachte, das Wasser könne ihn nicht mehr überraschen. Doch was er an jenem Morgen sah, ließ ihn sofort zum Telefon greifen und um Hilfe rufen.

Jan Novotný war sein ganzes Leben lang an den Fluss gefahren. Er wusste, wann die Fische am Grund blieben, wann die Oberfläche tückisch war und wann es besser war, umzukehren und nach Hause zu gehen. Der Fluss war sein sicherer Hafen. Nach seiner Frühpensionierung wurde er zu seinem Zufluchtsort. Jeden Morgen, egal bei welchem ​​Wetter, packte er seine Angeln und eine Thermoskanne Kaffee und machte sich auf den Weg zu seinem Platz am alten Wehr.

Dieser Tag begann wie jeder andere. Der Nebel lichtete sich langsam, das Wasser war ruhig, fast verdächtig still. Jan saß am Ufer und beobachtete die Oberfläche, als ihm etwas auffiel, das so gar nicht zu dem Bild des Flusses passte.

Etwas bewegte sich mitten im Fluss.

Es war kein Fisch. Die Bewegung war langsam, unregelmäßig und schwerfällig. Jan nahm seine Brille ab, putzte sie und sah noch einmal hin. Einen Moment lang tauchte eine dunkle, runde Gestalt aus dem Wasser auf.

„Das ist unmöglich“, murmelte er vor sich hin.

Er stand auf und ging näher ans Ufer. Da sah er es deutlich. Eine Schildkröte. Keine kleine, wie er sie manchmal in den Dokumenten gesehen hatte. Sie war ungewöhnlich groß. Ihr Panzer war unregelmäßig, mit Algen bedeckt und an einer Stelle sichtbar beschädigt. Das Tier versuchte zu schwimmen, doch jede Bewegung wirkte mühsam, als kämpfe es nicht nur gegen die Strömung, sondern auch gegen sich selbst.

Jans Magen verkrampfte sich.

Schildkröten gehörten nicht in diesen Fluss. Und schon gar nicht in diesem Zustand.

Er beobachtete sie einige Minuten lang. Sie rannte nicht weg. Sie versuchte nicht zu verschwinden. Eher schien sie an Kraft zu verlieren. Plötzlich drehte sie sich zur Seite, und Jan bemerkte ein weiteres Detail, das ihm den Atem raubte. Ein Stück Plastikseil war um eine ihrer Flossen gebunden und schnitt tief in ihr Fleisch.

Es war klar, dass das Tier schon lange litt.

Ohne zu zögern, zog er sein Handy heraus. Zuerst rief er den örtlichen Fischereiaufseher an, dann die Wildtierrettungsstation. Er beschrieb, was er gesehen hatte, wo er sich befand, und versuchte, ruhig zu bleiben. Doch innerlich stieg Panik in ihm auf. Er fürchtete, es könnte zu spät sein, bevor Hilfe eintraf.

Unterdessen schwamm die Schildkröte näher ans Ufer, als suche sie selbst Hilfe. Sie blieb im flachen Wasser stehen, den Kopf kaum über der Oberfläche. Jan kniete sich hin und sprach leise mit ihr, obwohl er wusste, dass sie ihn nicht verstand. Es war eher ein Versuch, sich selbst zu beruhigen.

Als die ersten Retter eintrafen, war die Lage bereits kritisch. Das Tier war erschöpft, dehydriert, und die Wunde an seiner Flosse war entzündet. Vorsichtig luden sie es in eine Spezialbox und brachten es sofort in die Klinik.

Erst dann wurde klar, wie ungewöhnlich der Fall war.

Es handelte sich nicht um eine gewöhnliche Süßwasserschildkröte. Experten zufolge war es eine exotische Art, die wahrscheinlich viele Jahre in einer privaten Zucht gehalten worden war. Jemand hatte sie ausgesetzt, als sie zu groß für das Aquarium geworden war oder sich darin „unwohl“ fühlte. Er hatte sie im Fluss freigelassen, obwohl sie dort keine Überlebenschance hatte.

Das Seil, an dem sie hing, war der Überrest einer improvisierten Leine. Wahrscheinlich hatte man sie damit im Aquarium gesichert.

Ein paar Tage später wurde Jan eingeladen, die Schildkröte zu besuchen. Sie stand nun fest, ihre Flosse war behandelt worden, und sie hatte zum ersten Mal seit Langem wieder gefressen. Als er sie sah, empfand er eine seltsame Mischung aus Erleichterung und Traurigkeit.

„Wäre ich eine Stunde später gekommen, hätte sie es vielleicht nicht geschafft“, sagte der Tierarzt.

Jan wurde in diesem Moment bewusst, wie schmal der Grat zwischen Gleichgültigkeit und Rettung ist. Wie viele Menschen die seltsame Gestalt im Wasser gar nicht bemerken würden. Wie viele sich abwenden und sagen würden: „Das ist nicht ihr Problem.“

An diesem Tag verließ er den Fluss ohne einen einzigen Fang. Und doch sagt er, es sei der wichtigste Tag seines Fischerlebens gewesen.

Denn manchmal ist das, was wir unter der Wasseroberfläche sehen, nicht nur ein seltsames Wesen. Es ist ein stummer Hilferuf. Und es liegt an uns, ihn zu hören.

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