Der Milliardär saß in seinem Lieblingssessel am Kamin. Seine Augen waren geschlossen, der Kopf leicht zurückgeneigt, und sein Atem ging ruhig und gleichmäßig. Jeder, der ihn sah, hätte ihn für tief schlafend gehalten. Tatsächlich schlief er aber gar nicht. Er war nicht eine Sekunde bewusstlos gewesen.

Er hörte das Knistern des Holzes im Kamin. Er hörte jeden Schritt im Haus, jedes noch so kleine Geräusch. Er wartete.

Mit zunehmendem Alter war sein Vertrauen in die Menschen geschwunden. Nicht, weil er grausam war, sondern weil er zu viel Erfahrung gesammelt hatte. Er wusste, wie leicht sich Menschen verändern konnten, sobald sie eine Chance witterten. In den letzten Monaten war Geld aus seinem Haus verschwunden. Keine großen Summen. Das war das Schlimmste. Kleine, unauffällige Beträge, die regelmäßig verschwanden, als hätte sie jemand mit der Gewissheit genommen, dass es niemand bemerken würde.

Er bemerkte es.

Der Verdacht fiel auf das Dienstmädchen. Sie hatte erst vor Kurzem angefangen. Eine stille Frau, immer müde, mit besorgten Augen. Sie hatte ihren Sohn mitgebracht, weil sie keinen Babysitter hatte. Der Milliardär hatte es erlaubt. Er hielt sich für einen großzügigen Mann. Doch dann begannen die Verluste.

Er beschloss, nicht länger zu spekulieren, sondern zu beobachten.

Er hatte einen Stapel Geldscheine auf einem kleinen Tisch neben dem Sessel liegen lassen. Sie lagen dort, auffällig, fast provokant. Etwas weiter entfernt, direkt in der Wand, stand ein Tresor einen Spalt offen. Die Goldbarren darin glänzten im sanften Licht der Lampe. Es war Absicht. Eine Falle. Ein perfekter Test.

Leise Schritte.

Das Dienstmädchen betrat das Zimmer. Sie musterte den Milliardär mit ihren Blicken und vergewisserte sich, dass er schlief. Ein Junge folgte ihr. Er war klein, dünn und hatte einen für sein Alter zu ernsten Gesichtsausdruck.

„Setz dich hierher und fass nichts an“, flüsterte die Mutter und blickte sich nervös um. „Der Herr schläft. Wenn du ihn weckst, verliere ich meine Stelle.“

„Verstanden“, antwortete der Junge leise.

Das Dienstmädchen ging. Die Tür schloss sich.

Stille breitete sich im Raum aus.

Der Milliardär wartete. Er war sich sicher, dass der Junge nicht lange durchhalten würde. Das Kind einer armen Frau, Gold in greifbarer Nähe, Geld überall herumliegend. Er hatte Schlimmeres gesehen. Er hatte Menschen gesehen, die Millionen stahlen und behaupteten, sie nähmen nur, was ihnen die Welt schuldete.

Minuten vergingen.

Nichts geschah.

Der Junge stand regungslos an der Wand. Seine Hände hingen an seinen Seiten, sein Blick war auf den Boden gerichtet. Dann bewegte er sich langsam. Er machte einen Schritt. Dann noch einen. Er näherte sich dem Safe.

Dem Milliardär stockte der Atem.

Der Junge streckte die Hand aus. Er berührte den Goldbarren. Er hob ihn auf. Er war schwer, fast größer als seine Handfläche. Er betrachtete ihn lange. Sein Gesichtsausdruck war nicht freudig. Er war konzentriert. Traurig.

Dann geschah etwas, das den Milliardär zutiefst erschreckte.

Der Junge nahm den Goldbarren nicht mit. Er steckte ihn nicht unter sein Hemd. Stattdessen legte er es zurück in den Safe. Ganz vorsichtig. Und schloss die Tür.

Dann wandte er sich dem Tisch mit den Geldscheinen zu. Er nahm einen einzelnen Schein. Kein Bündel. Nur einen. Er hielt ihn einen Moment lang zwischen den Fingern, als zögerte er. Dann legte er ihn zurück. Er legte ihn zu den anderen.

Der Milliardär konnte nicht länger ruhig bleiben.

Der Junge kniete sich hin. Langsam, vorsichtig. Er holte ein altes, zerknittertes Notizbuch und einen Bleistift aus der Tasche. Er begann zu schreiben. Die Buchstaben waren grob, aber sorgfältig. Als er fertig war, faltete er das Papier zusammen, legte es neben das Geld auf den Tisch und setzte sich still auf einen Stuhl.

Er wartete.

Der Milliardär öffnete die Augen.

Der Junge zuckte zusammen, rannte aber nicht weg. Er stand einfach auf und sah ihm direkt in die Augen.

„Ich wollte mir Geld leihen“, sagte er leise. „Aber Mama sagt, du darfst nichts von anderen nehmen. Deshalb habe ich es aufgeschrieben.“

Der Milliardär nahm den Zettel.

Darin stand, dass seine Mutter krank war. Dass sie Geld für Medikamente brauchten. Dass der Junge gesehen hatte, wo das Geld war, aber kein Dieb sein wollte. Dass er, wenn der Hausherr es ihm erlaubte, später arbeiten und alles zurückzahlen würde.

Dem Milliardär schnürte sich die Kehle zu.

Da begriff er die Wahrheit.

Das Dienstmädchen hatte das Geld nicht aus dem Haus genommen. Jemand anderes hatte es genommen. Jemand, dem er viel länger vertraut hatte.

Der Junge hatte nicht den Armutstest bestanden. Er hatte den Charaktertest bestanden.

Und das war es, was den Milliardär am meisten erschreckte. Denn zum ersten Mal seit vielen Jahren begriff er, dass Reichtum nichts damit zu tun hatte, wer wirklich arm war.

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