Sie war pragmatisch und grausam. Sie hielt das Leben in der Stadt für eine Schwäche, die Liebe für einen gefährlichen Luxus. Oft wiederholte sie einen Satz, an den ich mich noch heute erinnere: „Heirate niemals aus Liebe. Armut zerstört Träume.“ Als Kind nahm ich das als bitteren Rat einer Frau auf, die vom Leben enttäuscht worden war. Ich ahnte nicht, dass dieser Satz eines Tages Realität werden würde.
Nach dem Tod meines Vaters stellte sich heraus, dass unser Haus hoch verschuldet war. Wir drohten, alles zu verlieren. Und da kam ein Angebot, das eigentlich gar kein Angebot war, sondern eine Entscheidung, die schon lange ohne mein Wissen gefallen war.
Die ganze Stadt kannte Arnav Malhotra. Der einzige Erbe einer der einflussreichsten Familien Jaipurs. Ein Name, der Türen zu Banken, Gerichten und politischen Kreisen öffnete. Offiziell war er seit einem schweren Unfall fünf Jahre zuvor querschnittsgelähmt. Man munkelte viel über ihn. Dass er distanziert sei. Dass er Mitleid verabscheue. Dass er Frauen als Teil eines Geschäfts sehe, nicht als Menschen.
Meine Stiefmutter hatte mir die Verlobung emotionslos verkündet, als ginge es um den Verkauf von Land. Sie hatte mir gesagt, dass ich damit meine Familie retten würde. Dass Opfer eine Pflicht sei. Dass Glück ein überbewertetes Wort sei.
Ich hatte keine Wahl.
Die Hochzeit fand im Malhotra-Palast statt, einem alten Herrenhaus mit hohen Säulen und einer Geschichte, die so schwer wiegte wie der Goldschmuck an meinem Körper. Ich trug einen roten, goldbestickten Sari, ein Symbol für Glück und Fruchtbarkeit. Die Gäste bewunderten die Zeremonie, die Musik, den Reichtum. Niemand fragte, wie sich die Braut fühlte.
Arnav saß im Rollstuhl neben mir. Sein Gesicht war ruhig, fast steinern. Er wirkte nicht schwach, eher zurückgezogen. Als sich unsere Blicke trafen, hatte ich das Gefühl, er könnte mich durchschauen. Er verurteilte mich nicht. Aber er bemitleidete mich auch nicht. Es war, als verstünde er, dass ich genauso gefangen war wie er.

Die Hochzeitsnacht verlief still. Unangenehm still. Die Wände unseres Zimmers waren mit Gold verziert, doch die Luft war schwer. Nervös stand ich am Bett und wusste nicht, was ich sagen, was ich tun sollte. Niemand hatte mich darauf vorbereitet, wie es war, die Frau eines fremden Mannes zu sein, den ich nicht aus freiem Willen geheiratet hatte.
„Lass mich dir ins Bett helfen“, sagte ich schließlich leise, mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung.
„Nicht nötig“, erwiderte er kühl.
Und dann geschah etwas, das alles veränderte.
Arnav lehnte sich gegen die Kante des Rollstuhls und versuchte aufzustehen. Sein Körper schwankte. Ich sah einen Blitz von Wut in seinen Augen, keine Angst. Instinktiv, ohne nachzudenken, sprang ich auf ihn zu. Ich fing ihn auf, aber es war zu spät. Wir verloren das Gleichgewicht und stürzten beide zu Boden.
Ich lag neben ihm, mein Herz hämmerte, und meine Wangen brannten vor Scham und Schock. Ich erwartete Vorwürfe. Schreie. Demütigungen.
Stattdessen hörte ich seinen Atem. Unregelmäßig. Echt. Menschlich.
Zum ersten Mal bemerkte ich, dass sich seine Beine leicht angespannt hatten. Nicht genug, um ihn auf den Beinen zu halten. Aber genug, um ihn nicht völlig bewegungsunfähig zu machen. Mir wurde klar, dass der Unfall ihm nicht alles genommen hatte. Er hatte die Kontrolle übernommen. Und seinen Stolz.
„Sag es niemandem“, sagte er nach einem Moment mit leiser Stimme. Es klang nicht wie ein Befehl. Eher wie eine Bitte.
In diesem Moment zerbrach etwas in mir. Zum ersten Mal sah ich ihn nicht mehr als reichen Erben oder als Last, die mir aufgebürdet worden war. Ich sah einen Mann, der ebenfalls ausgeraubt worden war. Einen Mann, der in einer Rolle gefangen war, genau wie ich.
Ich half ihm zurück in seinen Rollstuhl. Unsere Hände berührten sich. Es war kein romantischer Moment. Es war kein filmreifes Wunder. Es war der stille, zerbrechliche Beginn von Verständnis.
Dieser Sturz veränderte alles. Nicht, weil wir uns über Nacht verliebten. Sondern weil wir beide verstanden, dass wir keine Feinde waren. Wir sind zwei Menschen, die durch die Entscheidung eines anderen geopfert wurden und die entweder zerbrochen bleiben oder versuchen können, wieder zusammenzufinden.
Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt. Ich weiß nicht, ob aus dieser Ehe jemals Liebe entstehen wird. Aber eines weiß ich ganz sicher: In jener Nacht spürte ich zum ersten Mal mehr als nur Angst und Leere. Ich spürte die Wahrheit. Und diese Wahrheit gab mir die Kraft, aufzuhören, ein Opfer zu sein, und zu einer Frau zu werden, die eines Tages ihr Leben zurückerobern wird.