Damien stand wie angewurzelt auf dem glänzenden Boden des Kaufhauses.

Die Worte seiner Ex-Frau, die ihm eben noch geantwortet hatte, waren in seinem Kopf zu einem bedeutungslosen Rauschen geworden. Alles, was er sah, war ihr ruhiges, fast gleichgültiges Nicken, mit dem sie dem Direktor zunickte. Es waren dieselben Gesten, die er aus ihrer Ehe kannte – die stillen, geduldigen, die ihn damals so wahnsinnig gereizt hatten. Doch jetzt strahlten sie eine unvorstellbare Autorität aus.

„Entschuldigen Sie“, sagte er fast automatisch, doch seine Stimme klang fremd und hohl. Apolline sah ihn nicht einmal an. Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, das nicht ihm, sondern der Situation galt, wandte sie sich dem Mann im Anzug zu.

„Danke, Direktor. Ich bin bereit.“

Dann tat sie etwas, das Damien den Atem raubte. Selbstbewusst und ganz natürlich nahm sie das schlichte Haarband der Putzfrau ab und lockerte das Haargummi, das ihren lockeren Pferdeschwanz zusammenhielt. Ihr dunkles, dichtes Haar fiel ihr über die Schultern und veränderte ihre Silhouette augenblicklich. Die Frau, die eben noch am Boden gehockt hatte, stand nun aus freiem Willen da. Sie zog eine kleine, elegante Armbanduhr aus der Tasche ihrer schlichten Uniform und legte sie sich ans Handgelenk. Ein einzelnes, aber vielsagendes Detail von Luxus.

Candice, die sich noch immer an seinen Arm klammerte, ballte die Finger zur Faust. „Damien, was ist los? Wer ist da?“, flüsterte sie, doch ihre Stimme klang nicht mehr arrogant, sondern nur noch verwirrt und entsetzt.

Er konnte nicht antworten. Er beobachtete, wie Apolline, umringt von Männern in Anzügen und blitzenden Kameras, sich anmutig auf die Auslage zubewegte, die er eben noch spöttisch kommentiert hatte. Die Angestellten des Kaufhauses entfernten rasch, fast ehrfürchtig, die Schutzfolie vom Schaufenster. Dahinter befand sich nicht nur ein Kleid. Es war eine ganze Kollektion. Auf der zentralen Schaufensterpuppe glänzte dasselbe „seltene, unbezahlbare Stück“ – ein Abendkleid aus Seidensatin, Brokat und zarter Spitze, besetzt mit scheinbar echten Saphiren und Perlen. Daneben hing ein schlichtes Schild mit dem Markennamen: „Apolline. Haute Couture.“

Der Kaufhausdirektor ergriff das Mikrofon. „Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zur exklusiven Premiere der neuen Kollektion der berühmten Designerin Apolline. Wie Sie wissen, ist Frau Apolline dafür bekannt, ihre Kollektionen an ungewöhnlichen Orten und stets mit einer Geschichte zu präsentieren. Heute fühlen wir uns geehrt, dieser Ort zu sein. Die gesamte Kollektion, einschließlich des Prunkstücks, das Sie hier sehen, ist inspiriert von der Schönheit der Alltagsarbeit, der Würde der Schlichtheit und der Stärke von Frauen, die in jeder Situation sie selbst bleiben.“

Damien spürte, wie der Boden bebte. „Inspiriert von der Alltagsarbeit …“ Die Worte klangen wie eine gewaltige, perfekt geplante Rache. Doch als er Apollines ruhigen, konzentrierten Gesichtsausdruck sah, während sie vorsichtig die Falten an der Schaufensterpuppe zurechtzupfte, wurde ihm mit erschreckender Klarheit bewusst, dass dies keine Rache war. Es war nicht einmal eine besondere Situation für sie. Es war nur ein weiterer Schritt in ihrer Arbeit. Er und seine Sticheleien waren ihr so ​​gleichgültig, dass sie sie nicht einmal korrigieren musste. Sie ging einfach an ihnen vorbei, ohne sich umzudrehen.

Die Kamera fokussierte sich auf sie. Apolline stand vor dem Fenster, an dem sie fünf Minuten zuvor noch Müll aufgesammelt hatte. Ihre Putzfrauenuniform bildete einen starken Kontrast zu der unglaublichen Eleganz der Kleider hinter dem Glas und ergab ein perfektes, schockierendes Bild.

„Danke“, begann sie mit einer ruhigen, sonoren Stimme, die Damien nicht wiedererkannte. „Diese Kollektion heißt ‚Unsichtbar‘. Unsichtbar. Sie ist den unsichtbaren Frauen gewidmet. Putzfrauen, Kassiererinnen, Gouvernanten. Frauen, die die Welt am Laufen halten, aber niemand bemerkt sie. Und doch hat jede von ihnen ihre eigene Welt, ihre eigene Schönheit, ihre eigene Stärke. Diese Kleider“, sie deutete auf die prachtvollen Roben, „sind keine Kleider, um der Realität zu entfliehen. Sie sind eine Feier der Realität. Die eingefassten Steine ​​symbolisieren Tränen und Freude, der Stoff ist so stark wie ihr Charakter, und der Schnitt so frei wie ihr Geist, den keine Arbeit zügeln kann.“

Damien hörte zu und versank mit jedem Wort tiefer in ihr Herz. War das die Frau, die er geheiratet hatte? Die Frau, die er wegen ihres mangelnden Ehrgeizes kritisiert hatte, weil sie „zu gewöhnlich“ war? Sie war nicht gewöhnlich. Sie war ein Genie, das sich entschieden hatte, das Leben aus seinen tiefsten, wahrhaftigsten Perspektiven zu erforschen. Ihr „Mangel an Ehrgeiz“ war in Wirklichkeit ein riesiger, selbstloser Ehrgeiz, die Menschheit zu verstehen und zu feiern.

Als die Präsentation beendet war und die Journalisten sich zerstreuten, band Apolline ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen und setzte ihr Haarband auf. Sie drehte sich um und ihr Blick traf endlich Damiens. In ihren Augen lag kein Hass, kein Triumph. Nur Ruhe. Die Ruhe eines Berges, der seine Höhe kennt und daher keinem vorbeifliegenden Vogel etwas beweisen muss.

„Apolline …“, hauchte Damien, unfähig, weitere Worte zu finden.

„Damien“, erwiderte sie freundlich, doch mit einer unüberbrückbaren Distanz. „Schön, dich zu sehen. Ich hoffe, dir hat die Präsentation gefallen.“

„Warum … warum hast du das nie gesagt? Wer bist du?“, platzte es aus ihm heraus.

Sie lächelte, mit demselben sanften Lächeln. „Ich war schon immer Apolline. Du hattest nur nie Zeit, genauer hinzusehen.“

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *