Da war ein notariell beglaubigtes Dokument.
Die Stille im Saal wurde immer dichter, bis nur noch das gedämpfte Summen der Lichter über den Kristalllüstern zu hören war.
Die Braut las die erste Zeile noch einmal, als wollten ihre Augen die Bedeutung der Worte nicht begreifen. Ihre Hände zitterten leicht.
Der Bräutigam las das Dokument langsam zu Ende. Zu langsam. Dann hob er den Kopf. Sein Gesichtsausdruck wechselte von leichter Belustigung zu völliger Betäubung.
Die Mutter des Bräutigams beugte sich vor.
„Also, was ist es?“, zischte sie ungeduldig. „Ein sentimentaler Brief?“
Der Vater der Braut schwieg. Er stand aufrecht, die Hände vor der Brust verschränkt. Er verteidigte sich nicht. Er erklärte nichts. Er wartete einfach ab.
Die Braut holte endlich Luft.
„Papa…“, ihre Stimme versagte. „Das ist…“
Sie wandte sich den Gästen zu. All den Blicken, die sie den ganzen Abend lang gemustert, bewertet und verurteilt hatten, war nichts zuzutrauen.
„Das ist eine Eigentumsübertragung“, sagte sie leise, aber deutlich. „Ein hundertprozentiger Anteil.“
Ein Raunen ging durch den Saal.
„Welcher Anteil?“, fragte jemand ungläubig.
Der Bräutigam stand auf.
„Dieses Restaurant“, sagte er mit zitternder Stimme. „Und die angrenzenden Gebäude.“
Das Lachen, das eben noch zwischen den Tischen aufgekommen war, verstummte. An seine Stelle trat betretenes Schweigen.
Die Mutter des Bräutigams wurde blass.
„Das ist unmöglich“, flüsterte sie. „Dieser Ort gehört einer Investmentgruppe …“
„Das tat er auch“, erwiderte der Vater der Braut ruhig. Zum ersten Mal an diesem Abend sprach er laut.

Alle drehten sich zu ihm um.
„Ich habe dreißig Jahre lang auf Baustellen gearbeitet“, fuhr er fort. „Nicht im Anzug. Im Staub, Regen und Frost. Ich habe nicht gefragt, wer reich ist. Sie haben mich nur gefragt, ob ich durchhalten kann.“
Er sah seine Tochter an.
„Ich habe nicht mit meinem Verdienst geprahlt. Ich habe gespart. Ich habe investiert. Ich habe geschwiegen.“
Dann wandte sich sein Blick der Mutter des Bräutigams zu.
„Ich wollte nicht, dass jemand meine Tochter wegen des Geldes heiratet. Ich wollte wissen, ob Sie sie auch ohne Geld annehmen würden.“
Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.
„In diesem Umschlag“, fügte er hinzu, „geht es nicht um Reichtum. Es geht um Sicherheit. Damit sie niemals von der Verachtung anderer abhängig sein wird.“
Die Braut weinte. Nicht leise. Vor Erleichterung.
Der Bräutigam ging zu ihr und umarmte sie. Diesmal ohne zu zögern, ohne Publikum, ohne Rollen.
Die Mutter des Bräutigams lehnte sich langsam in ihrem Stuhl zurück. Ihr Gesicht war ausdruckslos. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie nichts zu sagen.
Und der bescheidene Mann in der zerschlissenen Jacke setzte sich wieder an seinen Platz an der Säule.
So unauffällig wie immer.
Nur diesmal zweifelte niemand im Raum daran, wer der Reichste von allen war.